Trostpflaster

Wenn der Himmel grau ist und der Regen beständig nieselt, wenn die Wege, die du gehst die gleichen sind, die du schon seit Jahren läufst, dann ist es Zeit mal genauer hinzuschauen.
Ist das, was du jeden Tag mit Füßen trittst nicht ein wahres Wunderwerk? Ist das Grau, das sich auf den Straßen deines Viertels breit macht nicht ein Gemisch aus tausend Farben, ein Mosaik aus eitel Edelstein? Millionen Jahre sind die „Großsteine“, „Katzenköpfe“ oder „Kopfsteine“ vor deiner Haustüre alt. Sie waren das Blut der Erde, ihre brodelnde Glut , sind gestocktes Magma aus dem Erdinneren und jetzt steinhart und unverrückbar: blauschwarzer Basalt, rot gemusterter Prophyr, roter und grauer Granit und die Grauwacke verrät ihre Farbe selber. Ihre wilden Zeiten sind vorbei, und doch sind sie bunt und schön. Das solltest du dir zum Vorbild nehmen. Seit mehr als 100 Jahren sind sie in Berlin, liegen da, ohne sich zu beklagen. „Am Grunde der Moldau wandern die Steine…“ heißt es bei Berthold Brecht. Die Berliner Steine sind nur einmal gewandert: Vom schlesischen Steinbruch bis nach Berlin. Seither trampeln wir über sie hinweg, und sie bleiben liegen. „Das Große bleibt groß nicht, und klein nicht das Kleine…“ geht es bei Brecht weiter. Das stimmt. Auch die großen Steine gehen kaputt, wenn Bomben drauf fallen, oder Panzer darüber rollten, oder wenn sie rausgerissen werden, damit Räder schneller rollen können. Aber dann macht man kleine draus und setzt sie in das Pflaster der Gehwege, das typische Berliner Mosaik und wenn sie auch da auseinnander gehen, werden sie mit Beton vermischt und die gleiche Farbenvielfalt taucht in den Gehwehgplatten wieder auf. Sie sind nicht unter zu kriegen.

Was können wir also von dem Kopfsteinpflaster lernen? Das Liegenbleiben, das geduldig Sein und dass man die schönsten Sachen sehen kann, auch wenn man den Kopf hängen lässt.

Und noch etwas können uns die Steine lehren: Auch wenn nicht mehr das alte Feuer in einem kocht. Für einen Tanz auf dem Vulkan reicht es allemal (Unter Berlin gibt es tatsächlich unter all dem Dreck und Sand und Eiszeitgeröll einen erloschenen Vulkan, wer hät‘s gedacht?). Also bin ich in die U-Bahn gestiegen und tanzen gegangen. Tut auch gut gegen den Winterblues.

Ludmilla Seefried-Matejkowa „Tanz auf dem Vulkan“ Nettelbeckplatz, Berlin-Wedding Material: Grauer und roter Granit; Foto: Wikipedia CC-BY-4.0

Bitte halten Sie sich fest…

…während der Fahrt – fordert mich die Stimme im BVG-Bus nach jeder Haltestelle auf. „Please hold on tight during the ride“ säuselt die Trans-Frau, die bei den Berliner Verkehrsgesellschaft seit ein paar Jahren die Ansagen spricht, verführerisch in hauptstädtisch überperfektem Englisch hinterher. „Hold on tight to your dreams“ war ein ELO-Hit in meiner Jugend. Die Träume sind vorbei. Jetzt bin ich da, wo ich nie geträumt hätte hinzukommen. In Berlin. Hier gibt es eine Trans-Frau als Ansagerin und jede Menge Verrückte, aber auch Straßen so schlecht, Busse so alt mit einer Federung so hart, dass man von jedem Gullydeckel umgeworfen wird, über den der Bus rumpelt. Dit is Berlin. Und überhaupt: Hab ich je davon geträumt Samstagmorgen um halb acht im 125er vom Kutschi nach Frohnau zu fahren? „Nee! Nee! Nee!“, schrien Ton Steine Scherben in „Mensch Meyer“. Die sangen vom Fahrgastaufstand im „29er, kurz vor Halensee“. Da wollt ich dabei sein, oder gleich ins Georg von Rauch Haus im Bethanien. Aber den 29er gibt’s nicht mehr und im Bethanien spuken die Gespenster. Und jetzt ich, im Omnibus! Seit meinen qualvollen Zeiten als braver Fahrschüler unter lauter Rabauken auf der Rückbank des Schulbusses, betrete ich Busse nur noch, wenn ich nicht anders wegkomme. Und pünktlich sind sie in Berlin sowieso nie weil sie im Stau stecken und wenn die Fahrt in Richtung Brandenburg geht, glaube ich sowieso nicht, dass da irgendein Bus fährt. Und wenn, dann ist er gerade weg und der nächste kommt in zwei Stunden…. Heute klappt aber alles. Trotz S-Bahn-Streik. Nach zwei Stunden, geruckelt nicht gefahren, komme ich vor der Schule im Speckgürtel an, die ab Sommer die neue meiner Zwillinge sein soll. Tag der offenen Tür. Helle, neue Räume, selbstgebackene Waffeln und Zwillings-Mädchen mit Zahnspangen und weißen Kitteln, die stolz ein seziertes Schweineherz präsentieren. Kleine Französischlehrerinnen mit roter Baskenmütze, die Bilder aus Bergerac zeigen. Meine Söhne landen beim klobigen IT-Lehrer, der Flugsimulatoren mit Kampfjets präsentiert. „Sollen wir in der Schule Fertigkeiten lernen, die auch für unsere Landesverteidigung nützlich sind?“ ist ein Panel in der Aula. In der Eingangshalle kann man Golf lernen. Sind das die Perspektiven für meine Jungs? Es ist das begehrteste Gymnasium weit und breit. Deshalb fahren wir auch noch weiter nach Oranienburg. Auch hell, auch modern, keine Waffeln, dafür Pizza und wieder eine kleine Französischlehrerin, die einen Schnupperkurs anbietet. Der Biologielehrer lässt ein Schweinehirn sezieren. Meine Jungs sind orientierungslos und haben die Nase voll. Unsere Nachbarn sagen, dass sie gleich noch auf die antifaschistische Demo gehen wollen. Hui! Hätte ich gar nicht gedacht. Ich dachte, die sind in der FDP. Oranienburg ist eine Stadt mit einer KZ-Gedenkstätte, aber eben auch Brandenburg. Aber es kommen immerhin so tausend Leute auf den Zug vom Bahnhof über die Hauptstraße zum Schloss. Die Genossen der SPD lassen die Fahne mit den drei Pfeilen wehen. Ich erinnere mich an meinen linken Sozialkundelehrer: „Die Eiserne Front“, das letzte Bündnis der Demokraten, um Hitler zu verhinderten. Die SPD hat halt nichts mehr, außer ihrer Tradition. Wir kommen nicht bis zum Kundgebungsplatz vor dem Schloss, wo die roten Fahnen wehen. Einem meiner Söhne reicht’s. Seit wir losgegangen sind, quengelt er rum, dass er nach Hause will. Klar, zwei mal Zukunft an einem Tag, und dann eine Belehrung vom Vater über die dunkle Vergangenheit ist ein bisschen viel. Als wir zu ihm nach Hause kommen repariere ich noch schnell das Fahrrad, dann muss ich los. Bei den Jungs kann ich keinen Frieden mehr stiften. Der letzte Bus geht heute um kurz vor Fünf. Nächstes Wochenende fährt die S-Bahn wieder, aber dann streikt die BVG.

Weihnachtswärme

Es war dunkel geworden. So dunkel wie es in einer Vollmondnacht in einer Vorortstraße eben werden kann. So dunkel, wie es das Lichterkettengeflatter und die beleuchteten Rentiere in den Vorgärten noch zuließen. Es war der erste Weihnachtstag und wir standen im bläulichen Halblicht an einer Straßenkreuzung. Wir wollten an die frische Luft und wir wollten weiter, denn wir hatten noch eine Pflicht zu erfüllen. Wir waren erst fünf Minuten von zu Hause weg, und standen erst am Anfang des Waldes, aber die Kinder wollten wieder zurück in den Keller, zu ihrer Spielkonsole. Also waren wir mutig und ließen sie ziehen. Natürlich nicht ohne sie fünf Minuten später anzurufen, ob sie angekommen wären. Uns führte der Weg tiefer und tiefer in den Wald. Bald schon hörte die Feldsteinstraße auf und wurde zu einer schlammigen Kraterlandschaft. In den wassersatten ausgefahrenen Schlaglöchern spiegelte sich der Mond. Hier war kein Durchkommen mehr für Menschen ohne Auto, und doch schlichen wir uns an den Rädern, durch Büsche und kleine Umwege weiter, immer bedacht, nicht bis zu den Knöcheln im feuchten Dreck zu versinken und nicht das Geschenk aus der Hand fallen zu lassen, bis wir die weißen Häuser sahen, die einsame Straßenlaterne und das offene Feld. Hunde bellten. Wir hatten es geschafft. Ich hätte das Geschenk jetzt einfach in den Briefkasten am wackligen Zaun vor dem etwas halbfertigen Fertighaus geworfen. Ich kannten die Leute hier kaum und wir waren nicht angemeldet. Aber die Mutter meiner Söhne klingelte. Wir sahen durch das große, gemütliche erleuchtete Verandafenster Menschen an einem Tisch in goldenem Licht. Aber sie bewegten sich nicht. „Ich bin sicher, die haben schon Besuch.“, flüsterte ich peinlich berührt meiner Gefährtin zu, aber die hatte schon das schief hängende Gartentor aufgeschoben und stapfte durch den Garten, in dem, das wusste ich vom Sommer, Füchse auf die Hühner des Hausherrn lauern. Über eine Metalltreppe kamen wir zum Hauseingang und klingelten noch mal. Es rumpelte drinnen und in der Tür stand ein breitschultriger Mann mit dichten Augenbrauen. Und er war kein bisschen überrascht, freute sich wirklich, uns zu sehen und bat uns herein in einen engen, mit Kinder- und Wanderschuhen vollgestellten Flur und dann in ein Wohnzimmer, das warm war und aussah wie die Dekoration zur Carmen-Nebel-Weihnachts-Show, die zur gleichen Zeit im Fernsehn lief, nur in echt. Ein stattlicher, glänzender Weihnachtsbaum an dem echte Kerzen brannten, Pfeffernüsse; Tannenzweige und Stolle überall auf dem festlich geschmückten Tisch, zwei Jungs in Weihnachtspullovern und mit großen Augen, die auf den unerwarteten Besuch gerichtet waren. Im Hause meiner Söhne hatte die Kraft dieses Jahr nur zur nüchternen, schiefen Mini-Tanne und einer Schachtel Schoko-Lebkuchen gereicht, die von der Mutter im Küchenschrank versteckt wurde, damit sie über die Feiertage reicht. Auch die Freude über unseren Besuch war echt. Anscheinend war es ihnen genau so gegangen wie uns Am Nachmittag des ersten Weihnachtstages war die Luft raus und die Kinder drehten etwas durch. Wir waren rechtzeitig zum Kaffee gekommen, der hier dünn war, wie ihn Schichtarbeiter trinken. Aber ich fühlte mich wie zu Hause, wie bei Muttern. Endlich Weihnachten wie ich es kannte. Wir ließen uns von der Gastgeberin immer wieder zu einer neuen Tasse nötigen während, der Hausherr das Geschenk auspackte, das ich ihm überreicht hatte, weil er mir vor zwei Monaten mein gebrochenen Schlüsselbein wieder zusammen geschraubt hatte. „Wie geht‘s dir damit?“, fragte er ärztlich routiniert. „Geht so, ist noch nicht zusammengewachsen.“ „Du musst Geduld haben.“, antwortete er und war gleich danach wieder bei seinem Lieblingsthema: Der Jagd. Eine halbe Stunde erzählte er uns vom Ansitzen, von den schrulligen Jägerkumpels und der Kälte. Ich kannte mal ein paar Jäger und konnte die richtigen Fragen stellen um seine Begeisterung richtig zu würdigen. Und ich hatte den Eindruck, dass die halbe Stunde, die wir ihm zuhörten, das schönste Geschenk für ihn war. Als wir gehen mussten, führte er uns noch nach draußen, und zeigte uns sein neues Nachtsichtgerät. „Schau mal da hinten, am Waldrand stehen vier Rehe.“ Trotz Vollmond hatte ich bisher auf dem weiten Feld nichts als Acker gesehen. Jetzt sah ich durch das Gerät vier helle Punkte – schutzlos durch die neue Technik und die Nacht brutal entzaubert. Ich dache an die Soldaten in der Ukraine und die Menschen in Israel und Palästina, denen noch nicht mal die Nacht mehr Schutz bietet. Ich hatte es plötzlich eilig nach Hause zu den Jungs zu kommen. Die waren froh, uns zu sehen, weil sie sich langweilten seit sich die Spielkonsole vor einer halben Stunde automatisch abgeschaltet hatte.
Aber Weihnachten war noch nicht vorbei. Kaum hatten wir die Schuhe aus, stand ein weiterer Freund vor der Tür und hatte eine Schale mit frischen schmalzgebackenen Krapfen für uns, die noch warm waren. Dabei hätten wir ihn beschenken sollen, denn er hat uns dieses Jahr geholfen, als wir Ärger mit der Versicherung hatten. Aber echte Freundschaft fragt ja nicht nach Gegenleistungen. Wir aßen sie vorm Fernseher, der einen Riss hat, weil ein Sohn vor ein paar Monaten Wut den Controller seines Computerspiels in den Bildschirm gehauen hat, während wir die Carmen Nebel Show schauten. Falsche Gefühle und Kitsch, aber mir war danach. Warm im Bauch, warm ums Herz, etwas Freude gegeben, etwas Freude bekommen. So hat sich Weihnachten sich für mich lange nicht mehr angefühlt.

Ihr Kinderlein kommet

Wir hatten es beinahe geschafft, mein kleiner Sohn und ich. Durch dunkele Vorortstraßen mit kläffenden Hunden hinter den massiven Eisenzäunen, vorbei an der Ruine, in der vor ein paar Jahren ein Obdachloser starb, als die morschen Mauern über ihm zusammenfielen, waren wir schon auf der Höhe der kleinen Kirche, aus der wir die schrägen Töne des evangelischen Posaunenchors hörten, dessen ältestes Mitglied mir beim Kirchenfest etwas von „ortsfremden Arten“ ins Ohr schwätze und damit die Syrer meinte, die jetzt im Ort wohnten, als das Licht anfing zu flackern.

Vergangenes Sylvester hatte nicht weit von hier der Netto-Supermarkt gebrannt, von einer Rakete getroffen, kurze Zeit später das Altersheim. Ein Bekannter ist hier bei der freiwilligen Feuerwehr. Letzte Woche hatte er drei Einsätze. Hier, vor den Toren von Berlin wohnen nur anständige Leute in sauberen Eigenheimen, aber es geschehen seltsame Dinge. Wir hatten noch fünf Minuten zum S-Bahnhof. Dann würden wir dieser Stadt der Untoten für zwei Tage entfliehen. Doch zu spät: Als wir um die Ecke bogen, sah ich im Gegenlicht der blinkenden Straßenabsperrung den Schatten der großen Frau und den Wagen, der mitten auf der leeren Straße stand. Sie hatte uns eingeholt. Die Wanrnblinkleuchten ihres Autos und die Straßenlaternen warfen ein gespenstisches Licht auf die Szene. Versteckt im Hintergrund zwei andere Gestalten. Als ich den kantigen Gegenstand in der Hand der Frau erkannte, zog ich meinen Jüngsten instinktiv näher an mich heran. Sie kam auf uns zu und ich erkannte sie am Gang. „Oh nein“, dachte ich, „Kann sie nicht wenigstens das Kind verschonen?“

„Mama“, rief mein Jüngster erstaunt. „Ihr habt die Stiftemappe vergessen.“, raunte die dunkle Gestalt vor der offenen Autotür, und drückte mir noch einen Ordner in die Hand. „Sachkunde müsst ihr auch noch lernen, da schreiben sie Mittwoch einen Test.“ Erst vor zehn Minuten waren wir von ihrer Haustüre aufgebrochen, bepackt mit kiloweise Büchern, Aufgabenheften und einer ellenlangen Hausaufgabenliste, die wir am Vaterwochenende abarbeiten sollten. Und jetzt das. Sie musste in Panik ins Auto gestürzt und wie ein Beserker hinter uns her gerast sein. Alles zum Wohl des Kindes. „Danke,“ sagte ich sauer, „Füller habe ich ungefähr hundert zu Hause.“ „Aber die Buntstifte“, beharrte sie. „Die braucht er für Mathe. Soll ich euch zum Bahnhof fahren?“ Wortlos zogen wir weiter, ohne unsern Schritt zu verlangsamen. Flüchtig grüßten wir den Erzieher aus dem Hort meines Sohnes und seine Kollegin, die die Szene beobachtet hatten ohne einzuschreiten. Ich sah ihre verwirrten Gesichter. War das noch elterliches Sorgerecht, oder musste man sich Sorgen um die Eltern machen?

Am nächsten Morgen, nach Frühstück und einer halben Stunde Pokémon-Spiel auf dem Tablet packe ich die Hausaufgaben auf den Küchentisch. Der Sohn weiß, was er zu tun hat. Aber der Füller schreibt nicht. Keine Tinte, keine Ersatzpatronen. Dafür also das ganze Theater. Nun habe ich tatsächlich hundert Füller im Haus, denn ich hatte nach der Wende die Marotte, von meinen Reisen in den Osten die skurrilen Schreibgeräte mitzubringen, die es dort zu kaufen gab. Aber Tinte habe ich nur in Gläsern. Es braucht eine Weile, bis ich meinen Sohn überredet habe, die Hausaufgaben liegen zu lassen und mit mir nach draußen zu gehen, um Patronen zu kaufen. Ist ja nicht weit, Mc Paper ist in der Müllerhalle um die Ecke. Aber McPaper hat zu. „Personalmangel“, vermutet der Nachbar im Zeitungsgeschäft. Leider hat er keine Patronen. Also zu McGeiz, ein Stockwerk höher. Hier sind alle Regale ausgeräumt und von dem Ramsch, den es dort immer gab, ist nur noch der Ramsch übrig. „Wir schließen zum Ende des Jahres.“, sagt die Verkäuferin. „Finde ich schade.“ sage ich ihr zum Trost. Denn seit Jahren kaufe ich hier die goldenen Schokoladentaler für die Schatzsuche, die ich seit Jahren am Kindergeburtstag veranstalte. „Finden wir auch schade.“, seufzt die Frau hinter der Kasse. „Aber da kann man ja nichts machen.“

Also zu Edeka. Hat immerhin eine Schreibwarenecke. Dort finde ich das letzte Päckchen königsblaue Füllerpatronen „Made in Austria“. „Bist du sicher, dass die passen?“, fragt mich mein Sohn. Natürlich bin ich sicher. Mein Sohn hat einen Pelikan-Füller, so wie ich damals in der Grundschule. Pelikan-Füller waren blau. Die anderen hatten Geha-Füller. Die waren grün und waren teurer. Denn sie hatten einen „Reservetank“, worum wir die Geha-Kinder immer beneideten. Dafür waren die Patronen anders. Und mit ihnen konnte man nicht die kleinen Kügelchen, die beim Durchdrücken in die Patrone fielen, sammeln, wie wir das bei den Pelikan gemacht haben. Die Welt war einfach und gerecht, damals. Und weil ich froh bin, dass mir mein Wissen von vor über 50 Jahren heute noch was nützt und weil ich sentimental werde, leiert mir mein Sohn noch ein Ninjago-Comic aus der Hüfte. Und als ich an der Kasse stehe, merke ich, dass ich nicht mehr genug Bargeld habe, und weil der Postbank-Bankautomat bei Edeka auch schon seit Wochen kaputt ist, bitte ich die Verkäuferin mir Bargeld auszuzahlen. Das will sie aber nicht, weil sie gerade erst angefangen hat und mir nicht ihr ganzes Wechselgeld geben will. Füllerpatronen und Bargeld sind echt Mangelware geworden. Und bei der Plastik-Figur, die auf dem Comic aufgeklebt war, fehlt ein Teil. Aber mein Sohn und ich hatten noch einen schönen dritten Advent. Sind auf den Weihnachtsmarkt gegangen und haben Plätzchen gebacken. Und als wir zurück zur Mutter sind, waren alle Hausaufgaben gemacht und sogar das Zimmer geputzt (für 1,50 Euro Taschengeld extra).

Ich wünsche euch noch eine schöne Adventszeit und ein frohes Fest.

Im Dornröschenschlaf

Wenn die größte Immobilienfirma Deutschlands eine Pressemitteilung heraus gibt, in der von „Gleichheit und Gerechtigkeit“ die Rede ist, dann muss da was faul sein. Dann kann man das auch als Feierabendjournalist nicht so stehen lassen. Und da ich ja gerade genug Tagesfreizeit habe, wurde ich von der Redaktion unseres Kiezmagazins „Weddingweiser.de“ losgeschickt in die Nachbarschaft, wo die denkmalgeschützte Friedrich-Ebert-Siedlung zwischen Müllerstraße, rotem Efeu und Rehbergepark langsam verfällt. Meinen Jüngsten habe ich dabei im Schlepptau: Ich habe ihm eine Fotosafari versprochen.

Die stille Usambarastraße träumt an diesem strahlenden Spätherbsttag von besseren Tagen. Wer die schmale Straße durch den großen Toreingang von der Petersallee betritt, merkt, dass hier die Zeit langsamer vergeht als auf der Müllerstraße oder der Afrikanischen Straße, die den östlichen Teil der Friedrich-Ebert-Siedlung umschließen. Kaum Verkehr, kein Lärm von den tosenden Magistralen des Wedding, viele alte Bäume und ein leerer Kinderspielplatz. Alle Häuser sehen hier gleich aus: Grau, vier- oder fünfgeschossig und sehr in die Jahre gekommen. Manche schon von Efeu überwuchert, mehr geflickt als renoviert.

Dabei war die Siedlung einmal der Stolz sozialer Wohnungspolitik in der Weimarer Republik. Das rund 100.000 Quadratmeter große Gelände wurde im Jahr 1928 von dem Bau- und Sparverein „Eintracht“ erworben. Vorher standen hier Hüttensiedlungen, die wegen der großen Wohnungsnot von den Bewohnern illegal errichtet wurden. Gustav Bauer, der ehemalige sozialdemokratische Reichskanzler, war einer der beiden Vorsitzenden der Eintracht und legte mit Louise Ebert, der Witwe von Friedrich Ebert, 1929 den Grundstein.

Mit dem architektonischen und städtebaulichen Konzept für die 1.400 Wohnungen wurden die beiden Architekten Paul Mebes und Paul Emmerich sowie der Stadtplaner Bruno Taut beauftragt. Taut hatte vorher unter anderem die Schillerparksiedlung im Wedding entworfen, die heute UNESCO-Weltkulturerbe ist. Auf diese Liste der fünf Berliner Weltkulturerbe-Siedlungen hat es die Friedrich-Ebert-Siedlung nicht geschafft, was vielleicht an ihrem bedauernswerten Zustand liegt. Dabei hat sie Einmaliges zu bieten. Die Wohnhäuser wurden erstmals in der Zeilenbauweise errichtet, das heißt, dass die kurzen und fensterlosen Seiten der langgestreckten Gebäude zur Straße gerichtet und die Hauseingänge durch kleine Fußwege zu erreichen sind. 
„Gleichheit und Gerechtigkeit“ sollte durch diese Bauweise symbolisiert werden, schreibt die Wohnungsgesellschaft Vonovia, der 365 Wohnungen im Viertel gehören, in einem Pressetext. Sie schreibt auch etwas von „fast bürgerlich vorstädtischem Flair“. Meint sie das ernst?

Eine niedrige dunkelbraune Tür mit abgenutztem Lack steht offen. Durch sie betrete ich ein Treppenhaus, das im Parterre mit edlen Solnhofener Muschelkalkplatten ausgelegt ist, dem Goldstandard der Vorkriegszeit. An der Kellertür wird das „Betreten mit offenem Licht“ verboten, in einem Alukasten hängt schief eine Mitteilung der Deutsche Wohnen AG. Ein Stockwerk höher liegt auf der Treppe ausgetrocknetes, schartiges Linoleum. Die Decke zum Speicher hat einen Wasserschaden, der auch auf den türkisen Wänden des Treppenhauses goldbraune Schlieren hinterlassen hat. An einer reparierten Wohnungstür hängt ein Strohkranz mit den Worten „Home“. Keine Frage: Der westliche Teil der Friedrich-Ebert-Siedlung zwischen Afrikanischer- und Müllerstraße ist auf den ersten Blick mehr ein „Lost Place“ als ein Bürgertraum, ein von seinen Eigentümern vergessener Ort. Aber wer ist eigentlich der Eigentümer?

„Wir wissen schon gar nicht mehr, wer hier alles Eigentümer war: Gagfah, Fortress, ZVBB, GSW. Und jetzt Deutsche Wohnen”, klagte ein Mitglied einer Mietergruppe, die sich vor Jahren gegen den Verfall engagiert hatte. Den Eigentümern gemeinsam sei, dass kaum einer von ihnen etwas zur Instandhaltung beigetragen habe. In vielen Hauseingängen hängt die Hausordnung der Deutschen Wohnen AG (deren Aktien zu mehr als 86 Prozent der Vonovia gehören). Die Warnschilder auf dem wieder eröffneten Kinderspielplatz tragen das Logo der Vonovia. Es ist etwas verwirrend. Am Zustand der Häuser östlich der Afrikanischen Straße lässt sich der Eigentümer auf jeden Fall nicht ablesen. „Da laufen keine größeren Arbeiten“, bestätigt ein Sprecher der Vonovia. „Und es sind weder von der Deutschen Wohnen noch von der Vonovia größere Sanierungsarbeiten geplant.“ 

Westlich der Afrikanischen Straße kommt ein weiterer Eigentümer ins Spiel: Die ambelin GmbH aus Berlin wird mir von einem Anwohner genannt. Ob sie es war, die die wenigen Häuserzeilen um das Friedrich-Ebert-Denkmal vor Jahren wieder in ihren strahlend weißen Originalzustand versetzt hat, hätte ich gerne gewusst, aber die Firma antwortet nicht auf meine Anfrage.

Am besten, man blendet das ganze Hin- und Her einfach aus, so wie Herr S., ein älterer Herr, den ich an einem der wenigen Autos treffe, die hier stehen. Seit 1940 lebt er „bei der Eintracht“, obwohl sich der Verein schon Ende der 1990er Jahre auflösen musste. Im Alter von zwei Jahren ist der heute 85-Jährige mit seinen Eltern in die Siedlung gezogen und hier geblieben. 620 Euro warm zahlt er für 70 Quadratmeter und ist zufrieden. Er gehört zu der schnell wachsenden Gruppe der über 80-Jährigen, die im Afrikanischen Viertel und rund um die Rehberge nach Zählung des Bezirkes wohnen. „Voll in Ordnung“, sei es hier, bestätigt auch Herr T, ein quirliger Endzwanziger mit Nickelbrille und dezenten Tatoos am Hals. Sein zierlicher Hund zieht an seiner Leine, während er mir erzählt, dass er vor einem Jahr hier eingezogen ist und 635 Euro warm für eine renovierte Wohnung mit 58 Quadratmetern zahlt. Er ist gekommen, um zu bleiben – wie viele hier. Die Fluktuation liege bei etwa drei Prozent im Jahr, gibt die Vonovia an. 
Eine große Treue zum Quartier rund um die Rehberge bestätigen auch die Zahlen des Bezirks aus dem Jahr 2021. Aber so langsam verändert sich die Bewohnerschaft auch hier. „Ich merke das an der Zahl der Zeitungen, die wir verkaufen und an den Lottoscheinen“, erzählt mir Chan, der seit etwa zehn Jahren den markanten halbrunden Rozi-Kiosk neben dem Ebert-Denkmal betreibt. „Das werden immer weniger. Durch Corona sind viele liebe Kunden gestorben. Es kommen mehr junge, Studenten und so.“

Bleibt zu hoffen, dass der Dornröschenschlaf, in dem große Teile der Siedlung liegen, nicht zum schleichenden Verfall wird. „An den Häusern selber ist lange nichts gemacht worden“, klagt Herr J. Der 50-Jährige stammt aus Slowenien und ich treffe ihn, als er auf einer der halbrunden Metallflächen sitzt, die hier jeden Eingang zieren. Sieben Jahre wohnte er hier. „Schauen sie sich die Metallfenster an! Das sind immer noch die alten.“ Und der Garten sei verwahrlost, beschwert er sich. „Aber wenn was kaputt ist, braucht man nur anzurufen, dann kommen sie schnell“, räumt er ein, ohne sich zu erinnern, wer eigentlich sein Vermieter war. Weggezogen – ins Märkische – ist er dann auch nicht wegen der Baumängel, sondern weil es mit der Liebe aus war. Heute ist er wieder da, um seine Ex-Freundin zu besuchen, die in der alten Wohnung geblieben ist. Liebe vergeht, Miete besteht.

Gut. Gehen. Lassen.

Es ist schon erstaunlich, was alles so in einen Tag hineinpasst. So ohne Plan, so von Dawn till Dusk. Bin mit der Sonne aufgewacht, das war nach neuer Uhrzeit um 7 Uhr und mit der Abenddämmerung um halb 5 wieder in die Straße eingebogen, die in meiner Adresse vorkommt. Hätte ein voller Arbeitstag sein können. Aber einziger Tagesordnungspunkt heute war: Fädenziehen. Vor zwei Wochen hat mich mein Motorrad abgeworfen. Im Stehen. Vor der Haustür. Das muss man erstmal hinkriegen. Und sich dabei das Schlüsselbein zu brechen, schafft auch nicht jeder, selbst in meinem Alter. Meine Jungs haben mit mir das Motorrad wieder aufgestellt, die Mutter meiner Kinder hat mich ins Krankenhaus gefahren. Ein Freund hat das Motorrad abgeholt und bei sich untergestellt. Auch wenn ich auf die Nase falle: Ich bin nicht allein. Das ist gut zu wissen. Und zwei Tage später lag ich unterm Messer. Alles ging flott und professionell. Vom 13. Stock des frisch renovierten Charité-Hochhauses konnte ich auf Berlin schauen, mit besten Aussichten auf den Bundestag. Meine Tochter kam mich besuchen. Alles hat sein Gutes.
Auch dass ich mit dem Arm in der Schleife mal wieder aus dem Wedding ins gediegene Westend komme, zu meiner Orthopädin, zu der ich eigentlich so schnell nicht wieder hin wollte. Aber einmal da, und mit einem Attest für die nächsten zwei Wochen entlassen, wollte ich auch nicht wieder nach Hause. Was soll ich da? Mich einstauben lassen? Es war noch nicht mal 10 Uhr. Unentschlossen bummele ich den Kaiserdamm zurück zur S-Bahn, finde eine Bäckerei, trinke erst mal einen Kaffee und vor der S-Bahn-Treppe sehe ich, das gleich nebendran ein ruhiges Viertel liegt, mit Gründerzeithäusern, Linden und Kopfsteinpflaster. Die Sonne scheint, es ist ein heller Herbsttag. Das merke ich erst jetzt. Also die S-Bahn fahren lassen und ins unbekannte Viertel eingeschwenkt. Mein Handy sagt mir, dass hier der Liezensee um die Ecke ist, ein Jugendstil-Gartendenkmal, von dem ich schon oft gehört haben, das ich aber auch nach 25 Jahren Berlin noch nicht gesehen habe. Eine Runde um den See, ein bisschen mit dem Herbstlaub rascheln. Ganz vorsichtig die Treppen runter, denn mein Knochen sagt mir, dass er nicht noch einmal einen Sturz aushält. Ehrfürchtig schweigende Kindergartenkinder werden von plappernden Erzieherinnen in elektrisch surrenden Karren über die Kieswege zum Parkspielplatz gelenkt. Ältere Pärchen in Daunenjacken begehen den gemeinsamen Lebensabend. Laubengänge leiten mich zum Ufer. Das einzig räudige hier sind die jungen Schwäne, die noch ein paar graue Streifen im schon ziemlich anmutigen Federkleid haben. Die Stadt ist doch nicht so schrecklich wie sie scheint. Ich mach Pause vom Überlebenskampf.
Eine Seegaststätte in Blickweite stärkt meine Schritte. Die Stühle sind hochgestellt, die Küche noch nicht warm, aber ich kriege ein Rührei und einen Tee. Ich mag es, wenn man für mich eine Ausnahme macht. Der Blick geht auf den Funkturm. Als ich an der anderen Uferseite weiter streife, lande ich in einer Bücherbox, in der der Nachlass eines Menschen gelandet ist, der nicht viel älter als ich gewesen sein kann. Eine fast komplette Ausgabe von Asterixheften und ein Roman von John Fante machen meine Tasche schwer. Es ist Mittag. Auf den sonnenbeschienenen Bänken am Ufer sammeln sich einsame Seelen mit Büchern in der Hand. Für eine halbe Stunde darf ich einer von ihnen sein. Dann befällt mich der Skrupel: Zwischen „es sich gut gehen lassen“ und „sich gehen lassen“ kann ich nicht gut unterscheiden. Also zurück in den Wedding. Aber auch da habe ich keine Lust auf Heimkehr. Neben dem S-Bahnhof Wedding gibt es einen alten CD-Laden, über den ich immer schon mal berichten wollte. Rein in die Höhle, die mit Heavy-Metal-Postern tapeziert ist. Ein kleiner Plausch mit Manfred, der den Laden schon seit 1981 führt. Ich verspreche, mit meinem Fotoapparat wieder zu kommen, laufe weiter, die Straße hoch, lande im Lesesaal der Schiller-Bibliothek. Tauche ab zwischen eifrigen Schülerinnen mit Kopftuch und schweigenden Lesern. Eine Stunde und zwei Comics später bin ich wieder auf der Straße. Was für einen Luxus habe ich mir gegönnt. Ich schlendere weiter, mache kleine Besorgungen bei der Post und bei der Bank, schaue was Tschibo Neues hat und lande in einem türkischen Frühstückscafé, das gerade dabei ist, seine Auslage einzuräumen. Denn Frühstück ist lange vorbei, draußen versinkt die Stadt schon in der Dämmerung, Blue Hour. Wo ist die Zeit geblieben? Früher habe ich die Melancholie dieser Übergangszeit geliebt und gefürchtet. Wer jetzt kein Heim hat, findet keines mehr. Heute habe ich eins und mache mich in der Dämmerung auf den letzten Teil meines Weges. Es ist mir warm.

Elefant im Raum

Klöster, Kirchen und Klösterkirchen. Im Burgund gibts davon so viele, dass brave katholische Bauern die grauen Gemäuer als Scheune benutzen.

Ein Frevel, den man sonst nur den gottlosen Sowjetkommunisten zugetraut hätte. Und gleichzeitig gibt es hier Städte, die aussehen als wären sie auf dem Reißbrett sozialistischer Planer entstanden. Diese Rotunde inmitten von Plattenbauten könnte doch glatt in Novosibirsk oder auf dem Berliner Alexanderplatz stehen.

Aber wenn das der Alexanderplatz ist, dann müsste ja gleich um die Ecke ein Kulturpalast, ein Дом Культуры oder gar ein Palast der Republik stehen. Et voilà:

Das Monstrum heißt ganz elegant «Espace des Arts» und hat mir meinen letzten Tag vor der Abreise aus Chalon sur Saône versüßt. Die Türen standen schon früh am Morgen offen und ich war der einzige, der unter den wachsamen Augen von zwei erstaunten Aufpasserinnen den herrlichen Ausblick aus dem Lampenladen in die umliegenden Sozialwohnungen genießen durfte. „Il est allemand.“ raunte die eine der anderen zu, als würde das mein verrücktes Herumknipsen erklären.

Und wenn der Klotz der kleine Bruder des Berliner Palastes ist, dann war da bestimmt doch auch was mit Asbest…? Richtig. Vor 5 Jahren wurde er grundsaniert. Und um ehrlich zu sein, sah er da am besten aus. Mehr Fotos von Benjamin Chelly.

Und um mich endgültig auf meine Heimreise einzustimmen, fand ich vor dem Bahnhof auch noch einen französischen Dönerstand mit Fleisch, das garantiert „halal“ war und aus Pfungstadt kam. Aber schmeckte natürlich nicht wie in meiner Döneria in Berlin. In Berlin ist mehr Salat.

Und warum ich das alles im 13. Stock der Berliner Charité mit Blick auf den Fernsehturm schreibe ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll…

Kafka en route

»Nimm mich mit, wohin ich will« steht auf dem Zug. Ich hoffe, dass er das irgendwann tun wird, und mich heil zurück bringt. Die ersten Tage meiner Tour wollte ich jeden Morgen zurück. Aber es ist so schön hier. Deswegen geht‘s jeden Tag weiter nach Westen, auf dem Eurovelo Radweg 6, immer am Kanal lang – dem Rhein-Rhone-Kanal. Wusste ich bisher auch nicht, dass es den gibt.

Jeden Tag so 50 Kilometer am Kanal entlang beruhigt ungemein, denn man kann sich nicht verfahren.

Und dann die schönen Schleusenwärterhäuschen. Würde ich am liebsten gleich bleiben oder sie für zu Hause einpacken.

Aber aufpassen muss man bei den Franzosenden. Also den Leuten, die hier wohnen und die einen auf Franzosen machen. So wie die Menschen aus München auf dem Oktoberfest einen auf Bayern machen. Bin gestern in so eine Gruppe geraten, die so taten, als seien sie das gallische Dorf bei Asterix beim Wildschweinessen. Ich war der Barde, denn ich konnte ja nichts sagen. Der nächste Tag war der Hammer (don’t drink and drive).

Aber Reisen hilft auch, die Welt verstehen. Das hier ist ein Foucaultsches Pendel in Besançon. Aber es pendelt gerade nicht. Heißt das, dass die Erde sich nicht mehr dreht? Ich hätte es nicht gemerkt.

Am wichtigsten: Selber wieder seine Balance finden. Und das gelingt mir hier sehr gut.

A bientôt

Kafka on the road

Auf dem Weg ins Paradies

Natürlich gibt es das Paradies auf Erden. Und es ist gar nicht so schwer, da hin zu kommen. Man muss in Wandlitz einmal links und einmal rechts abbiegen und dann noch zwei Kilometer geradeaus. Mehr wird hier nicht verraten. Denn sonst wäre es ja kein Paradies mehr, sondern noch ein überfüllter Badesee in Brandenburg. Im Paradies gibt es alles was man braucht – und nicht mehr. Eine grüne Wiese, die nicht zu voll ist, Schatten, Fischbrötchen (Bismarck und Matjes, wir haben beide Sorten) alkoholfreies Bier und nach dem Baden einen Kaffee und eine knusprige Waffel aus einem hübsch im rosa Retro-Wirtschafswunderstil renovierten Wohnwagen der „Waffeltanten“. Die Waffeln sind besser als die nach dem 50er-Jahre Rezept meiner Mutter (Kartoffelmehl war ihr Geheimnis) und die Tanten sind kesse Berlinerinnen, haben ein kleines Tatoo irgendwo und sind netter als meine Wirtschaftswundertanten. Die sahen nämlich so aus (der im Ringelpulli bin ich):

Sie rochen nach Drei-Wetter-Taft, Trevira und zu engem Mieder und hatten garantiert schlechte Laune, oder einen Likör zu viel.

Aber im Paradies darf man ja nicht ewig bleiben, ist nun mal so. Steht schon auf der Eintrittskarte. Außerdem: was wäre denn mit dem Rest der Welt, wenn man das Paradies immer um die Ecke hätte? Wie würde sich denn das anhören, wenn die Kolleginnen fragen: „Wohin fährst du in Urlaub?“ und ich jedes Mal antworte:„Nach Brandenburg, ins Paradies!“ Ne, irgendwann muss da mal was Abenteuerlicheres her. Also gehe ich jetzt meinen Freund besuchen, der seit einem Jahr auf Kreta lebt. „Musst nicht alles glauben, was da in der Katastrophenberichterstattung kommt. So mit 40 Grad, Waldbrand und Stürmen. Ist hier alles nicht so.“ Na, da bin ich ja beruhigt und muss auch kein schlechtes Gewissen haben, dass ich direkt nach Heraklion fliege und nicht wie ursprünglich geplant mit Interrailpass (für Senioren) und Fähre (Abenteuer!) runter fahre. Zur Sicherheit vereinbaren wir, dass er mich vom Flughafen abholt – und wenn ich abstürze, dann aus dem Meer. Ich baue ganz fest darauf, das er es auch tut. Er ist ein guter Freund und auf die Küstenwache ist im Mittelmeer kein Verlass mehr. Vorher werde ich aber noch die Apotheken und Drogeriemärkte abklappern, um ihm und seiner Frau all die Sachen mitzubringen, ohne die es sich im Garten Eden dann doch nicht glücklich sein lässt und komme mit dabei vor wie Leonardo de Caprio in „The Beach“, als er auf geheime Shoppingtour gehen musste für all die Mittelstandskinder, die zum absoluten Glück an der Beach dann doch noch Schokolade und Marshmellows brauchten. Und meine Steuererklärung will ich endlich noch abgeben, vor dem Urlaub. Ich bringe sie persönlich beim Finanzamt vorbei. Das sieht bei uns so aus:

Entspannt in der Sonne liegen könnte ich also eigentlich auch hier.

Weine nicht

wenn der Regen fällt in der Stadt. Dann sind die Straßen leer. Die Touristen haben sich in die Shopping-Malls geflüchtet und du hast freie Bahn auf der Friedrichstraße von Nord nach Süd. Auch auf dem alten Tempelhofer Flughafen ist niemand, außer du und dein Freund. Im Sturm lauft ihr über das Rollfeld. Es ist wie ein Spaziergang auf dem Deich an der Nordsee. Ihr erzählt euch eure Krankheiten. Auf dem Hinweg werden die rechten Hosenbeine nass, auf den Rückweg die linken. Dazwischen sitzt ihr im Café 108, in dem sonst kein Platz zu finden ist, und putzt euch eure Brillen. Natürlich ist das ein Sommer, an dem die Mopeds Trauer tragen. Aber die Kastanien im Garten haben noch kräftig grüne Blätter wo im letzten Jahr nur noch brauner Mottenfraß war. Auch ich lebe auf. Neue Ideen sprießen.