Die offene Tür

Es ist für Menschen, die auf der Straße leben, nicht leicht, eine offene Tür zu finden. Um so mehr müssen sich einige obdachlose Männer gefreut haben, im Pfeiler der Ringbahnbrücke über den Kanal am Nordufer eine Tür gefunden zu haben, die zu zwei ebenerdigen Inspektionsräumen im Betonpfeiler führt. Ob die Tür offen war, oder ob sie geöffnet wurde, ist nicht klar. 2 Zimmer, Neubau, verkehrsgünstig gelegen mit Terrasse und Blick auf’s Wasser – bei so einem verlockenden Angebot braucht es nicht viel, um schwach zu werden. Die neuen Bewohner machten es sich in den Räumen und auf dem gepflasterten Platz davor gemütlich und grüßten gut gelaunt mit ihren Bierflaschen, wenn ich tagein, tagaus mit dem Rad an ihnen vorbei zur Arbeit sprintete.
Doch es wurden immer mehr Bewohner, immer mehr Einkaufswagen und immer mehr dreckige Matratzen. Den Bezirk erreichten, so erfahre ich später, die ersten Beschwerden aus der Bürgerschaft. Es soll mehrere erfolglose Hilfsangebote durch das Sozialamt und seine aufsuchenden Sozialarbeiter gegeben haben.
Eines Morgens stehen dann zwei Müllwagen der Berliner Stadtreinigung und eine handvoll Polizisten in Kampfmontur vor den Bewohnern des Platzes. Als ich vorbeikomme sehe ich einen der Bewohner heftig auf die Polizisten einreden, während die Stadtreinigung stoisch sein Bett in die Presse wirft. Ich rufe die Pressestelle des Bezirksamts Mitte von Berlin an. Schließlich schreibe ich für unseren Kietz-Blog. Und Polizeiaktionen gegen Leute, die sich schlecht wehren können, dürfen nicht unbemerkt vonstatten gehen. Die Stellungnahme des Bezirks kommt am nächsten Tag. Da heißt es dann: „Bei der Räumung war auch die Landespolizei mit zugegen, da der Betroffenenkreis im Vorfeld Aggressionsverhalten gezeigt hat. Die Landespolizei hatte einen polnischsprachigen Kollegen dabei, der er als Sprachmittler zur Deeskalation eingesetzt werden konnte. Die Personalien wurden aufgenommen (…) Ein Platzverweis wurde erteilt.“
Ich muss an den satirischen Satz denken, den der Schriftsteller Anatole France vor mehr als hundert Jahren zu solchen Aktionen eingefallen ist. „Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es den Reichen wie den Armen, unter Brücken zu schlafen…“

Die Bürger des schicken Sprengelkiezes schlafen jetzt wieder gut, erfahre ich am Abend, als ich von der Arbeit zurückkomme und sehe, dass die Stadtreinigung gründlich gearbeitet hat. Nichts erinnert mehr an die ehemaligen Bewohner. Nur ein grüner Leihroller liegt wie weggeworfen auf dem Platz. Aber das wird geduldet. Auf der Parkbank vor dem Kinderspielplatz neben der Brücke treffe ich einen Mann, dessen Kleidung, die Bierflasche und sein sonnenverbranntes Gesicht mich glauben lassen, er sei einer der Männer, die unter Brücken schlafen. „Nein“, sagt er, als er meinen Blick bemerkt, “Ich wohne hier.“ Er sei Bauingenieur und derzeit beim Jobcenter. Er spreche Russisch und Polnisch und ein bisschen Deutsch und er habe oft für die Männer gedolmetscht. „Jetzt nicht mehr. Sie sollen mich in Ruhe lassen.“ , sagt er verärgert. Es habe immer mehr nach Urin gestunken. „Sie sollen sich eine Arbeit suchen, selber was machen“, schimpft er. Ich schaue auf seine Bierflasche, und er merkt es wieder. Nein, er sei nicht so wie „die“. Er wohne hier.

Im „Über mich“ zu meinem Blog schreibe ich: „Aber wenn ich mein tägliches Klein-Klein mal niederschreibe, merke ich, dass ich nur durch die Tür gehen muss, die geschlossen erscheint, die aber, wie Franz es ja weiß, immer offen steht.“

Die Tür im Pfeiler steht nach wie vor offen. Wer weiß, ob ich sie nicht irgendwann noch brauche.

Brennendes Verlangen

War er mein Schicksal, war er ein Geschenk Gottes oder war er meine letzte Chance?  Ich kann es auch heute noch nicht sagen, nach alldem, was seither passiert ist.
Auf jeden Fall brachte er mich sofort aus der Fassung, als er bei mir am Morgen vor der Tür stand. Nach all den Jahren! Ich konnte an diesem Tag an nichts anderes mehr denken. Sollte ich ihn zu mir nehmen, in meine Wohnung  oder sollte ich vernünftig sein? Es konnte auf jeden Fall kein Zufall sein, dass er da stand. So selbstverständlich wie es nur ein alter Bekannter tun kann. Aber war er es wirklich? Es gib zu viele Geschichten, in denen sich Herumtreiber sich für einen andern ausgaben. Ja, da war ich mir plötzlich sicher: unsere Wege hatten sich schon einmal gekreuzt. Ich war noch jung, damals und er hat mir sehr weh getan. Ich hab mir an ihm meine Finger verbrannt – im wahrsten Sinne des Wortes. Gebranntes Kind … Und er hat mir das Liebste genommen was ich damals hatte. Was mir wichtiger war als die Frau, mit der ich schon zehn Jahre zusammen wohnte, die mir das Leben geschenkt hatte, aber nie sagte, dass sie mich liebt. Für Sie  brannte er. Und sie benutze ihn. Er hat für sie alles geschluckt, auch mein abgewetztes Kuscheltier. Sie hat es ihm nicht gedankt, hat ihn rausgeschmissen, als sie nicht mehr auf ihn angewiesen war. Aber das ist lange her. So lange dass ich die Geschichte ganz tief in mir vergraben hatte. Jetzt ist er wieder da, als sei nichts gewesen. Konnte ich ihm verzeihen? Wir waren beide nicht jünger geworden, aber er hat sich gut gehalten. Makellos. Aber wie sah es innen aus? Ich sah im gleich an, dass er von seiner Ex aus der Wohnung geschmissen worden war, in der er nutzlos herumgelungert hatte. Wer brauchte einen wie ihn heute noch? 

Ich! „Wie schön dass du wieder da bist!“, jubelte es in mir. Lange hatte mir, ohne dass ich es wusste, seine alles durchdringende Wärme gefehlt, die Geborgenheit, die nur so einer wie er mir geben konnte. Am liebsten hätte ich ihn gleich umarmt und die Treppe hochgeschleppt. „Vorsicht!“ mahnte mein bisschen Vernunft, das mir geblieben war. „Wenn er einmal drin ist, kriegst du ihn nicht mehr los.“ Und was ist mit den Behörden, dem Vermieter? An all das musste ich denken. Aber im Hinterkopf begann ich schon, für seine Probleme eine Lösung zu finden. Im Wohnzimmer habe ich eine Ecke, die genau richtig für ihn wäre. Dort ist auf den abgezogenen Dielen noch der helle Fleck,  an dem früher der Kachelofen stand. Ich habe einen Bekannten, der Schornsteinfegermeister ist, nicht in meinem Bezirk, aber immerhin: Er kennt sich aus, mit Kerlen wie ihm. Ihm würde schon was einfallen, wie man die richtigen Papiere besorgen könnte und eine Begründung für den Vermieter würde ihm auch einfallen. Aber tapfer beschloss ich, mit der Entscheidung bis nach dem Feierabend zu warten. Er würde mir schon nicht weglaufen. Da war ich mir sicher. Wo sollte er auch hin? Wie gefährdet er war, so alleine auf der Straße, wusste ich da noch nicht.

Auf der Fahrt zur Arbeit schoss es mir durch den Kopf: „Du Schwein! Keinen Moment hast du heute an die gedacht, die dich die ganzen Jahre heiß gemacht hat. Die deine Wohnung im Winter lebenswert macht.“ Deutlich jünger ist sie, zuverlässig und leicht entflammbar. Aber was zählt das heute noch? Ich weiß schon seit dem 24. Februar, dass es bald aus sein wird mit uns. Wärme? Ja, aber jedes Jahr wurde der russische Stoff, von dem sie nie genug bekommen konnte, teurer. Sie steckte das weg wie nichts. Aber die Rechnung ging an mich. Ich habe versucht zu sparen, wo es ging. Habe Fenster und Türen dicht gemacht, nur noch kalt geduscht. Aber es war klar, dass sie mich früher oder später ruinieren würde. Sie musste weg! Immer schon war mir das blaue Leuchten unheimlich gewesen, das in ihrem Auge flammte, wenn das Gas in ihrem Inneren rauschte, jetzt hatte ich die Gelegenheit, von ihr los zu kommen. Und ich würde die Chance nutzen. Bevor sie mich in der Kälte des Winters verlassen würde, weil ich kein Geld mehr habe. Weil sie keinen Mucks mehr machen würde, dann, wenn ich sie am meisten brauchte, würde ich sie rausschmeißen. Jetzt! Solange es draußen noch warm ist und sie unnütz an der Wand hängt. 

Schon sah ich mich durch Park und Wälder streifen, Äste und Reisig sammeln, die ich meinem neuen Freund schenken würde. Und er würde sich darüber freuen, würde mir zeigen, was er noch alles drauf hat. Schön würde es mit uns werden, an langen Winterabenden. Und die neue Glut würde lange währen….

Als ich von der Arbeit wieder kam, war er weg. Einfach so. Die Straße war leer. Ich weiß nicht, ob er einfach mit dem Nächstbesten abgehauen ist, oder ob er sich weggeworfen hat, in den Container oder den Schrotthaufen. Eiskalt überlief es mich. Ich werde allein sein, wenn der Frost kommt. Mir graut es vor dem Winter.

„Die Mauern stehen 

Sprachlos und kalt. Im Winde 

Klirren die Fahnen.“

(Hölderlin)

Summer in the city

Foto: Lena M. Olbrisch

Es ist wieder so weit. Nach all den Hitzewellen und dem Schwimmbadgekreische, nach all den Kältewellen und Badeseen, nach der Woche in der Uckermark und Nachmittagen im Garten ist endlich der Sommer bei mir angekommen. Ich merke es nicht gleich. Mit einer Freundin sitze ich nach der Arbeit vor einem Weinlokal. Wir essen Blutwurstcanapés und trinken Weißwein. Die Freundin ist auf der Durchreise. Und erst als ich sie und mein Rad Richtung Bahnhof Friedrichstraße schiebe, sehe ich den weiten Himmel über der Stadt. Es ist halb neun und das Panorama über dem Friedrichstadtpalast bekommt langsam einen dunklen Rahmen. Die Straßen sind halbleer und die Autos und die grünen Elektroroller, auf denen immer zwei Jungs oder ein Pärchen stehen, gleiten und schlingern mit mir über die Chausseestraße, bis sie enger wird, gesäumt von vollen Cafés und asiatischen Restaurants. Draußen in der verklingenden Wärme eines Hochsommertages sitzen Frauen in weiten Sommerkleidern. Viel Farbe, viel Raum und viel Leben in der grauen Straßenschlucht, in der sich sonst Autos und Lastwagen um den Platz balgen.
Ich schaffe es noch unter dem S-Bahnhof Wedding durch, bis mir klar wird, dass ich noch eine Weile dabei sein will, noch ein bisschen von der Leichtigkeit genießen und ein Teil der bunten Szene werden will. Es wird das Imren in der Müllerstraße. Halb Imbiss, halb Restaurant. Hier esse ich oft eine Iskembe-Suppe und schaue unter der beleuchteten Markise auf die Straße. Neben mir packt ein Vater sein Kleinkind ein, das in einem Hochstuhl auf einen Zeichentrickfilm auf einem Handy gestarrt hatte, solange er aß. Jetzt trägt er es unter dem Arm wie ein Paket – hoffentlich nach Hause. Seinen Platz nehmen eine Truppe lachender, sehniger Männer ein. Alle jung, alle braungebrannt und in abgeschabter, schwarzer Bauarbeiterkluft mit kurzen Hosen. Alle berühren sich, streicheln sich über die Arme, wuscheln sich in den Haaren. Auf dem Tisch stehen übervolle Teller mit öligem Lammfleisch-Eintopf, der nur dem verlockend erscheinen kann, der einen Tag hart gearbeitet hat. Aber das Essen muss warten, bis jeder dem anderen noch ein paar freundliche Worte zugerufen hat. Das Ende eines guten Tages. Auch für mich.

Als ich vom Imren aufbreche ist es endgültig dunkel geworden. „Butter,“ denke ich. Ich muss noch Butter kaufen. Aber in den neongrellen Supermarkt will ich heute nicht mehr. Zu schön ist die lindwarme Dunkelheit. Der Tag soll sanft zu Ende gehen. Mir wird morgen früh schon was einfallen.

36 Grad

Ich will was Leichtes, Fröhliches schreiben. Über die neuen Schuhe die ich mir endlich im Sommerschlussverkauf geleistet habe und die jetzt wieder in der Ecke stehen, weil ich doch wieder die alten Treter angezogen habe. Über meine Jungs, die eine Woche lang in meiner Wohnung umher gescheucht habe weil sie ihre Nasen nur in Bücher und in das Tablet gesteckt haben. Aber es gelingt mir nicht. Im Grunewald brennt es, und die Kastanien im Hinterhof haben schon jetzt braune Blätter. Keine Wolke am Himmel und 38 Grad. Da will keine Freude aufkommen. Zum Glück gibt es das Radio. Funkhaus Europa aus Köln dudelt Weltmusik. Und auf einmal eingängige Hüftschwingsalsa. 2Raumwohnung mit Inga Humpe. „36 Grad, kein Ventilator. Das Leben kommt mir gar nicht hart vor..“ Der Sommerhit von vor 13 Jahren. Unglaublich. Menschen, die sich über die Hitze freuen, die auf den Dächern tanzen und in Pools springen. JA, so kann man es auch sehen. Beschwert sich in Cuba irgendjemand über die Hitze? Nein, alle tanzen und machen fröhliche Musik und trinken Cuba Libre. Zumindest im „Buenavista Social Club“. Na, auch schon eine Weile her, der Film. Aber wenigstens eine andere Perspektive auf die Zukunft. Wenn ich denn auf der Müllerstraße im Wedding mit allen türkischen Muttis und feschen Rentnerinnen die Hüften schwingen darf, statt fußlahm die Einkäufe vom Aldi nach Hause zu tragen, dann komm ich auch mit weniger Wasser klar.

Und jetzt ist halb Neun abends und ich traue mich heute zum ersten Mal vor die Tür. Mal sehen, ob der Asphalt schon weich ist.

Hasta la vista

Belle Et Triste

Friederike Reinhold und Winfried Kellmann

BELLE-ET-TRISTE heißt die etwas versteckt gelegene Buchhandlung bei mir um die Ecke. Seit 40 Jahren führen Friederike Reinhold und Winfried Kellmann gemeinsam die einzige verbliebene Literaturbuchhandlung in diesem Teil der Stadt. Wie haben die beiden es geschafft, gegen alle Widrigkeiten zu bestehen? Und wie wird es die nächsten Jahre weiter gehen? Ein Interview über eine große Freundschaft, verborgene Bücher und einen Hund.

Wir sitzen schon seit einer Stunde zwischen den raumhohen Regalen mit Kinderbüchern und den Büchertischen mit Romanen und politischen Sachbüchern. Das Gespräch hat sich schon etwas von dem Interview entfernt, das ich für den Stadtteil-Blog “weddingweiser“ führe. Die Atmosphäre ist fröhlich. Der Humor ist brillant, knochentrocken und liebevoll. Es macht Friederike Reinhold und Winfried Kellmann sichtlich Freude, ein wenig selbstironisch ihre 40 wilden Jahre im Wedding Revue passieren zu lassen. Die Pointen sitzen. Hätten die beiden sich nicht den Büchern verschrieben, hätten sie eine Karriere im Kabarett machen können. Ein weißer, wuscheliger Hund (ein Westie) mit Knopfaugen legt sich unter Reinholds Stuhl.

FR: Das ist Lumpi, der berühmteste Hund des Wedding. Den kennt jeder, denn jeder kommt mal zu uns. Eine Mutter hat uns einmal berichtet, dass ihre Tochter Lumpi sogar in ihr Abendgebet mit aufgenommen hat.

WW: Ich kannte bisher nur Bibliothekskatzen, die gehalten werden, um die Mäuse zu fangen. Was macht ein Hund in der Buchhandlung?

FR: Lumpi hat sogar schon mal eine Ratte gefangen, die sich in der Tür geirrt hatte und sie mir dann stolz vor die Füße gelegt. Ich musste dann einen Kunden bitten, das tote Tier nach draußen zu bringen.

WW: Sie haben als einzige inhabergeführte Buchhandlung im Wedding 40 Jahre überlebt. Wie haben Sie das gemacht?

FR: Wir lieben Literatur – und wir müssen uns keine Tariflöhne zahlen.

WW: Die letzten Jahre müssen doch schwer für Sie gewesen sein. Die große U-Bahnbaustelle vor der Haustür, Corona und jetzt die Verunsicherung durch den Krieg.

WK: Corona war für uns, so ambivalent sich das anhört, erstmal gar nicht schlecht, da Buchhandlungen ja nicht schließen mussten. Wir haben viele Stammkunden. Und Leute, die neu im Wedding sind, suchen uns per Internet. Sie googeln „Buchhandlung Wedding“ und finden uns ganz oben. Aber ich möchte keine Werbung für Google machen. Ich empfehle unsern Kunden immer die Suchmaschine Swisscow. Sie schützt die Daten der Nutzer, anstatt sie abzugreifen und ist, nach unserer Erfahrung, genauso gut wie die Datenkrake.

FR: Die Krise durch den Ukraine-Krieg, die merken wir jetzt deutlich. Die Leute haben Angst, sind verunsichert, fürchten Wohlstandsverluste.

WW: Aber für Reisen wird doch jetzt viel Geld ausgegeben. Was können sie für den Urlaub im Sommer empfehlen?

FR: Das ist ganz unterschiedlich. Wir hatten ja immer schon ein sehr gemischtes Publikum. Da fragen wir nach und empfehlen was passen könnte.

WW: Ja, das stimmt. Das machen Sie sehr gut Als ich vor Jahren bei Ihnen ein Buch für einen langen Flug nach Asien gesucht habe, haben Sie mir zwei empfohlen: Donna Tart und Irvin Yalom. Und als ich mich nicht entscheiden konnte, sagten sie: Nehmen Sie eins für die Hin- und eins für die Rückreise. Das hat prima gepasst. Vielen Dank.

Aber jetzt doch mal die Frage: 40 Jahre zurück: Wie hat das alles angefangen?

Etwa 1986: Die langen Haare sind ab. Neustart in der Amsterdamer Straße

WK: Ich war 1982 mit dem Studium fertig (Französisch und Sozialkunde) und wir haben dann den Buchladen „Setzling“ in der Brüsseler Straße übernommen. Der war dort, wo jetzt das „Escargot“ ist. Schon damals war die Brüsseler Straße recht alternativ. Mit Naturkostladen und so weiter. Unsere erste Schaufensterdekoration, noch während der Bauphase, war das aufgeschlagene „Kapital“ mit Bildnis von Karl Marx. Hat niemanden gejuckt, aber es fand außer uns auch niemand witzig.

Friederike hat im Laden noch auf ihr Examen (Germanistik und Politik) gelernt.

WW: Sie kannten sich schon vorher?

FR: Ja, schon von der Schule in Münster.

WW: Und, waren Sie damals ein Paar?

FR: Erst Ja, dann Nein und dann wieder Nein.

WK: Hm, Hm. Brumm brumm

WW: Vertragen sich Liebe und Beruf nicht miteinander?

WK: Nein, unsere Partner hatten etwas dagegen. (lacht).

FR: 1986 sind wir dann in die Amsterdamer Straße gezogen und haben uns vergrößert. Eine Zeit lang hatten wir nebenan auch noch ein Spielzeuggeschäft und eine Filiale im Rathaus Wedding.

Expansion: Das Belle Et Triste kommt groß raus.

WW: Hat sich die Kundschaft verändert mit der Zeit?

FR: Wir haben Stammkunden seit den 80ern. Einer von ihnen hat die „Andere Bibliothek“ abonniert, seit Beginn.

Natürlich ändern sich auch die Wünsche der Leserschaft. Die Komplett-Ausgaben, mit denen Zweitausendeins mal groß rauskam, sind nicht mehr gefragt.

WK: Die brauchen zuviel Platz im Regal und werden zu selten geöffnet. Auch ich bin immer mehr für’s Taschenbuch. Auch für broschierte, durchaus auch aufwendig hergestellte Bücher. Die sind schmaler, als ein gebundenes und die „gebundenen“ sind in der Regel auch nur geklebt und eben nicht fadengebunden.

WW: Und der Online-Buchhandel. Was hat der verändert?

FR: Wir sind ja schon lange online

WW: Wenn ich ihre Website anschaue, fühle ich mit tatsächlich zurückversetzt in die 1990er Jahre.

WK: Das stimmt. Wir mögen halt keinen Schnickschnack wie laufende Bilder, oder „das könnte Sie auch interessieren“. Dieses Content-Management für Klick-Affen machen wir nicht mit. Seit letztem Jahr findet man auf unserer Seite minutenaktuell unseren Lager-Bestand. Ich glaube, damit sind wir, als stationäre Buchhandlung, einzigartig.

FR: Und seinen Bestellstatus kann jeder online einsehen. Auch das ist, nach meiner Kenntnis, bisher einzigartig im örtlichen Buchhandel. Wir haben außerdem viel mehr Bücher vorrätig, als wir im Laden frontal ausstellen können.

WW: Verborgene Bücher?

WK: Das trifft es genau! Die werden oft nicht wahrgenommen. Die Kunden lieben es, zu stöbern. Doch nehmen sie dabei meist nur die frontal präsentierten Titel war. Ganz oben im Regal kann auch niemand stöbern, da braucht’s die EDV. Unsere Kunden erwarten oft gar nicht, dass wir neben den Auslagen auch andere Bücher vorrätig haben und sind überrascht, wenn sie das gewünschte Buch gleich mitnehmen können. Natürlich haben wir nicht alles. Doch mit der Nase stößt man nur auf aktuelle Titel, die frontal präsentiert werden. Wenn man beim AmaZoni suchen kann, kann man es auch bei uns. Wir werden bald einen Bildschirm im Laden aufstellen, an dem jeder auch selbst, wie auf unserer Website, in unserem Bestand suchen kann.

WW: Mir gefällt ja besonders ihr großer Bestand an Literatur aus dem Wedding und über den Wedding. Das findet man nirgendwo sonst.

FR: Die Weddinger sind außerordentlich regionalbewusst. Gerade die Neuen interessieren sich für die Geschichte und Geschichten aus dem Wedding. Die historischen Bildbände von Ralf Schmiedecke und auch die Bücher von den Autoren der Lesebühne „Brauseboys“. Oder Neukrantz’ „Barrikaden am Wedding“. Wir fördern das auch ein bisschen. Vor 20 Jahren kam Horst Evers zu uns mit einem zusammengehefteten Bändchen mit Geschichten und fragte, ob wir die in Kommission auslegen könnten. Das haben wir gemacht.

WW: So wie ich vergangenes Jahr mit meinem Bändchen. Vielen Dank, das ermutigt zum Schreiben.

FR: Mit Heiko Werning und anderen haben wir auch Lesungen bei uns im Laden gemacht. Das kam gut an.

WW: Sie fühlen sich also der Literatur im Wedding verpflichtet. Ist „Belle et Triste“ auch eine poetische Reminiszenz an diesen traurigschönen Stadtteil?

WK: Könnte man meinen. Aber es kommt von „Belletristik“ und Belletristik

kommt von „belles lettres“ im Französischen.    Deshalb ist es ein deutsch-französisches Wortspiel: „belle et triste“.

WW: Und wie lange wird es „Belle et Triste“ noch geben?

FR: Bis uns einer hier rausträgt.

Kurz und schmerzlos

Ist es ein Verbrechen in diesen Zeiten eine Geschichte über einen Friseurbesuch zu schreiben? Oder ein Gedicht über Bäume? Wo doch die Welt wie wir sie kennen bald untergehen wird. (Obwohl ich die Welt, die dann untergeht, ja nie richtig gekannt habe, weshalb ich ja seit Jahren diesen Blog schreibe, um ungefähr zu verstehen, was um mich herum an Unverständlichem geschieht.) Wo wir doch bald so arm sein werden, dass wir uns bestenfalls alle wieder gegenseitig die Haare schneiden werden, wenn wir denn noch eine scharfe Schere und genug warmes Wasser haben.
Ich finde ja! Solange es noch geht, will ich auf dem Vulkan tanzen, bevor er erlischt, will im Luxus schwelgen und in jungen Männern baden, die mich freundlich nach meinem Befinden fragen, mich mit Ihrem Geplapper und dem Geklapper ihrer Scheren erfreuen. Will neue Geschichten aus Paläestina oder Syrien hören, eine Tasse arabischen Kaffees dabei trinken, um danach in Rosenwasserwolken gehüllt auf die Straße zu treten und für einen Moment mit meiner neuen Schönheit und mit meinem meinen neuen Duft gegen den grauen Häuserblock anstinken – und mich dabei noch großartig und gönnerhaft fühlen, weil in den 15 Euro, die ich auf den Tresen gelegt habe, schon fünf Euro Trinkgeld drin waren. Ja, das will ich, solange ich noch einen Cent in der Tasche habe und wenn ich danach eine Woche Steckrübensuppe essen muss (wenns die noch gibt).

Aber stirbt nicht die Welt, die wir kennen schon jetzt jeden Tag ein bisschen? Ist es nicht bitter zu erfahren, dass wir schon jetzt auf jedem Schritt vom Tode und Vergänglichkeit umfangen sind? Als ich an die Tür meines Friseursalons “Alanya“ klopfe, wird mir nicht aufgemacht. Durch die gläserne Tür sehe ich verpacktes Mobiliar in einem dunklen, menschenleeren Raum. Es ist vorbei mit den Habibis. Es konnte ja nicht gut gehen mit einem Laden, in dem immer mehr gutfrisierte Friseure herumstanden als Kunden hereinkamen. Wirklich schade, ich habe sie alle gemocht, auch wenn jedes Mal ein anderer Haarkünstler sich an mir versucht hat und der Arabipop aus den Fernsehen manchmal nervte. Aber im Wedding macht gefühlt jeden Monat ein Friseurladen zu und ein anderer um die Ecke neu auf. Deswegen ist meine Trauer so kurz wie der Weg von der Seitenstraße zur Hauptstraße. Etwas Altes vergeht, damit etwas Neues entsteht. So sind die ewigen Gesetze, die auch mein Yogalehrer mich lehrt. Das Neue hat sich einen großen Friseursalon aus den 1960er Jahren ausgesucht, der lange leer stand. Er nennt sich jetzt „Hung Style“. Das ist wenig Vertrauen erweckend. Will ich meine Haare tatsächlich “nach Art des Gehängten“ frisieren lassen? Oder gut abgehangen, wie das früher hieß (aber beim Metzger).

Hm, wie immer siegt die Neugier über die Zweifel, und ich drücke den großzügigen Türknauf aus Messing, der von vergangenen, bessern Zeiten übrig geblieben ist. Auch drinnen hat sich das Flair der Wirtschaftswunderzeit erhalten. Der Salon ist riesig und vor meinem Auge sehe ich die Reihen mit Frisierhauben, die einen Höllenlärm machen, während sie die Dauerwellen von Frauen, deren Trevira-Kostüme von geblümten Nylon-Umhängen verdeckt werden vor der Kommunion oder anderen großen Festen wieder in Form bringen. Es riecht nach Haarfestiger von Wella und heißem Tantenhaar.

Doch das ist nur eine Erinnerung. Der Salon, den ich jetzt betrete ist leer bis auf eine einzelne Dame, weit hinten im Raum und einem kleinen, drahtigen Mann, der mir das einzige Wort entgegenschleudert, das er in der für ihn fremden Sprache zu kennen scheint: “Maschinesnitt?“ bellt er mehr als dass er fragt. Und als ich nicke weist er mich auf einen dicken, soliden Friseursessel aus den alten Zeiten. Und ich sage “9 Millimeter“. Fünf Minuten später ist er präzise ein paar Mal mit der surrenden Maschine um meinen Kopf gekreist, hat kein Wort verloren, hat noch mal im Nacken nachgearbeitet und löst den Knoten meines Frisierumhangs an meinem Hals. Ich deute auf meine Augenbrauen. Er geht schnell mit der Maschine drüber. Nach einem Spiegel für die Kontrolle von hinten, nach Rosenwasser und freundlichen Worten wage ich gar nicht mehr zu fragen. Wortlos zahle ich die 10 Euro, die im Display der Kasse erscheinen und bin wieder draußen. Das war kein Genuss. So ähnlich stelle ich mir den Friseur in einem Gefängnis vor.
Das süße Leben ist wohl vorbei. Es stehen mir harte Zeiten bevor.

Coming home

Am Spreeufer gegenüber dem Hauptbahnhof tanzen sie Südamerikanisches. Am Humboldthafen haben ein paar Junge Gitarre und Saxophon ausgepackt und dudeln entspannt vor sich hin. Am Nordhafen sind am alten Speicherhaus endlich die Gerüste gefallen. Sieht aus wie aus dem Ei gepellt. Auf meiner Seite des Hafens liegen sie alle auf dem schmalen Uferstreifen und lassen die Sonne untergehen. Zwischen den Bäumen hat jemand Luftballons aufgehängt, die zusammen das Wort “Party“ ergeben. Ein elektrischer Verstärker wummert Elektrisches. Junge Frauen mit Kopftuch sitzen auf einer Parkbank und rauchen Shisha. Unter der neuen S-Bahn-Brücke haben ein paar Obdachlose ein solides Zuhause errichtet. Sie sichern es für die Nacht. In der Tegler Straße klingt lautes Stimmengewirr aus den Cafés und von den Terassen der Kneipen. Im alten Parkhaus an der Luxemburger brennen schon die fahlen Neonlichter. Im dunkeln „Klein Zaches“ haben sich die Raucher vor dem milden Sommerwendabend versteckt. Auf der Seestraße rumpeln die Straßenbahnen. Ich warte auf die Martinshörner, weil die Straße zum Rudolf-Virchow-Klinikum geht. Aber heute ist es leise. Letzte müde Eltern sitzen auf dem Spielplatz auf dem Grünstreifen der Togostraße und warten darauf, die Kinder ins Bett zu bringen. Für die anderen fängt der Tanz jetzt erst an. Und keiner, der heute Abend draußen ist, wird diese Nacht je vergessen. Vor meiner Haustür höre ich es wummern. Tiefe Bässe fliegen in den hohen Himmel. Das muss das Konzert im Garten des Centre Francais sein. Sie feiern die Fete de la Musique. Da tobt das Leben. Aber ich bin jetzt zu Hause.

Neulich vorm Jobcenter

Das ist ein Lamborghini. Am Freitagnachmittag vorm alten Jobcenter in Berlin- Wedding (wir haben zwei davon). Und sofort läuft ein Film bei mir ab: Der Bildzeitung-, BZ-, Berliner-Kurier-Film: Angehörige stadtbekannter Clans holen sich ihre Stütze mit der protzigen Nobel-Karosse von Amt ab… Ich erwarte niemand anders als Abu Chaker persönlich, mit dunkler Sonnenbrille und schwarzem Bart aus der Türe treten und sich die goldberingten Hände reiben. Die wahre Wirklichkeit überrascht. Aus dem Haus tritt ein schmächtiger Mann Mitte Vierzig. Schütteres Haar, kurze Cargo-Hose und einen braunen Einkaufsbeutel ums Handgelenk geschlungen, den Blick gesenkt. Ich habe schon ein paar Fotos von seinem Wagen vor der Sozialbehörde gemacht und rufe ihm zu: „Das werden schöne Bilder.“ Er missversteht das als Kompliment für sein Auto und nuschelt: “Danke.“, lässt sich hinters Lenkrad fallen und den Motor aufheulen. Quietschende Reifen, ein scharfer U-Turn und er ist weg.

Kein Ort nirgends

Wir sitzen am Sonntagnachmittag im sonnigen Schrebergarten und trinken Kaffee. Die Bäume spenden Schatten und es gibt Kekse. Es ist ein Ort, von dem man glauben will, dass man hier alt werden wird. Hier eine Hecke, dort ein Beet; Bäume, die man wachsen sehen möchte. Ein paar Kinder auch.

Doch die Gespräche passen nicht dazu. Es geht um unsere Reisen nach Skandinavien, es geht um Fluchtpunkte. „Nordschweden ist so gut wie unbesiedelt, da könnte man noch hin.“ “Vergiss es. Da leben schon jede Menge Deutsche und du wirst da von den Mücken aufgefressen. Und außerdem wirkt dort der Klimawandel noch stärker als hier.“ Finnland ist auch nicht mehr der Traumort, seit hier die Fortsetzung des „Fortsetzungskrieges“ von 1941 gegen Russland möglich scheint. Mein stiller Geheimtipp war der Urwald an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland. In einem Roman von Olga Tokarczuk hatte sich die Hauptfigur dort versteckt, weil dort nur ein paar Naturforscher leben und die Polizei einen nicht mehr findet. Seit dort syrische Flüchtlinge über die Grenze getrieben wurden, liegen in dem Wald Leichen und es gibt mehr Polizei als in Berlin am 1. Mai. Die Orte, wo man sich vor dem ganzen Wahnsinn verstecken und überleben kann, werden also knapp. Mittlerweile gibt es sogar Bücher, die europäische Flüchtlingsströme nach Zentralafrika vorhersagen, weil es dort nach dem Klimawandel am erträglichsten sein soll.

Einfach abhauen, sich verstecken, an einem einsamen Ort, an dem das Weltgeschehen einfach vorbeiläuft: Das ist seit langem eine Exitstrategie, ohne die ich nicht leben kann. Ich bin groß geworden mit den Erzählungen meines Vaters, der als Kind in Schlesien im Winter 45 zuerst von den deutschen, dann von den sowjetischen und dann endgültig von den polnischen Soldaten aus seinem Vaterhaus vertrieben wurde. Das wollte ich nicht erleben. Schon im Kalten Krieg habe ich deshalb dem Frieden nicht so recht getraut und mich in das alte Bauernhaus eines Freundes im Hunsrück verzogen. Eine menschenleere Gegend zwischen Rhein und Saar. Doch kaum war ich da, beschloss die US-Armee, genau dort ihre atombestückten Cruise Missiles zu stationieren. Damals haben wir uns noch gewehrt. Demonstriert, blockiert und gesungen. Irgendwann waren die Cruise Missiles weg, sie wurden dann später auf Bagdad abgefeuert, aber ich suchte mir lieber einen neuen Fluchtpunkt: im Osten. Hier, soviel war nach dem Mauerfall klar, würde es so bald keinen Krieg mehr geben. Die Geschichte war zu Ende, und es gab jede Menge verlassene Gebäude, in denen man sich hätte einnisten können. Kleine Bahnwärterhäuschen hatte ich besonders im Auge, weil die mich an den Film “Die Stunde Null“ von Edgar Reitz erinnerten. Hier ziehen am Kriegsende die Amis und die Russen einfach an einer solchen Eisenbahnersiedlung vorbei. Das Glück wollte ich auch haben. Das Gleiche las ich in Stefan Heyms Roman “Schwarzenberg“, wo ein kleiner Ort im Erzgebirge am Kriegsende von den Siegermächten einfach vergessen wird. Ich erinnere mich auch an eine Reihe von Filmen nach den 90ern, alle mit Joachim Król, in denen die Flucht nach Osten als idealem Ort durchgespielt wurde. “Wir können auch anders“, „Zugvögel“ oder später irgendwas mit Schamanen in Sibirien. Aber weiter als Berlin bin ich nicht gekommen. Und alles weiter östlich ist gerade nicht mehr so attraktiv.

Was also tun? Im Keller wieder Kohlen, Kartoffeln und selbst Eingemachtes lagern, wie das meine Eltern gemacht haben? Dazu müsste ich erst einmal wieder einen Ofen haben und keine Gas-Therme, die diesen Winter kalt bleiben wird. Rausgehen „Into the Wild“ (auch so ein Flucht-Film) und mir eine Hütte bauen? Das habe ich schon bei den Pfadfindern nicht gemocht. Wahrscheinlich mache ich das, was ich immer schon gemacht habe: Hoffen, dass das alles irgendwie gut geht. In den Filmen gibt es ja auch immer ein Happy End.

Sehnsucht

Überseehafen Rostock

Jeden Tag die gleichen Wege. Morgens auf‘s Rad, rein nach Berlin-Mitte, am Hohenzollernkanal entlang zum Nordhafen, an der Charité vorbei. Blick zur Fahne auf dem Reichstag rechts und später zum Brandenburger Tor. Am Feierabend über die Chausseestraße zurück. Asia-Restaurants und Yoga-Studios, dann an der BND-Zentrale vorbei und an der ewigen Baustelle auf der Müllerstraße. Döner-Buden und ein Einkaufen in türkischen Gemüseläden. Hinter Lidl links rein, noch mal in den Bio-Laden reingeschaut. Feierabend!
Das kann doch nicht alles gewesen sein…(…das bisschen Urlaub, der Führerschein, sang Wolf Biermann in den 60ern). Ja, ich war erst letzte Woche weg, im Rheinland, bei der Schwester, mit dem Zug, mit den Kindern. Auch schön. Aber das meine ich nicht. Es gibt doch noch eine andere Welt da draußen, und ich will sie mal wieder sehen. Ich hab Sehsucht, Sehnsucht, Seesucht. Ich will auf‘s Schiff. Nur mal ganz kurz, um mal wieder raus zu kommen. Mal wieder einen weiten Himmel sehen. Nach Norden. Mit dem Finger auf der Landkarte reise ich nach Dänemark. Da habe ich Freunde, die ich vor 15 Jahren das letzte Mal besucht habe. Damals wohnten sie noch in Jütland. Jetzt in der Nähe von Kopenhagen. Da gibt es eine Fähre. Von Rostock nach Trelleborg in Schweden. Und eine Bahn von Trelleborg nach Helsingborg. Dauert nur eine gute Stunde. Und eine Fähre von Helsingborg nach Helsingör in Dänemark. Zwei Mal Schiff fahren! Wie für mich gemacht. Die Kolleginnen haben nichts gegen einen Spontanurlaub. Die Kinder sind über Pfingsten bei ihrer Mutter. Die Freunde in Dänemark freuen sich auf den Besuch. „Du willst ein Abenteuer haben.“, vermutet Hanne in ihrem drolligen Deutsch am Telefon, als sie meine Reiseroute erfährt. Ja, will ich. Bahn und Fähre bis Trelleborg werden gebucht, für den Rest vertraue ich auf den gut organisierten Verkehr in Skandinavien. Den alten Rucksack vom Schrank genommen. Die Fähre geht um halb 11 Uhr abends. Ich fahre über Nacht. Los geht‘s.

Der Überseehafen in Rostock ist nichts für Touristen. Die fahren in Warnemünde mit den großen Kreuzfahrtschiffen ab. Hier gibt es nur LKW mit Containern und osteuropäischen Kennzeichen – und Wohnmobile. Hier fühle ich mich wohl. Die Kneipe auf dem Terminal ist für die Lastwagenfahrer eingerichtet. Es gibt Gebratenes und eine Frau mit zerfurchtem Gesicht macht mir ein Fischbrötchen. Matjes oder Bismarck? Die Vielfalt des Nordens. Die handvoll Reisenden, die ohne Auto unterwegs sind sammeln sich in einem zugigen Unterstand. Ein paar junge Frauen mit Rucksack, eine Pfadfindergruppe mit Gitarre – so wie wir damals, 1978 als wir uns über Helsingör nach Schweden aufmachten mit den katholischen Pfadfindern. Ich war 16 und hatte noch nie das norddeutsche Flachland gesehen. Als hinter Bielefeld die Berge aufhörten, bekam ich Angst.
Über steile Stiegen geht es auf die MS Mecklenburg Vorpommern. „Nicht barrierefrei“, hake ich in meinem Kopf ab. Der letze Gedanke an meine Arbeit für die nächsten Tage. Der dröge Name des Stahlkolosses lässt erst gar keine Hoffnungen auf ein Traumschiff aufkommen. Ein breiter Mann mit sächsischem Akzent weist mir meine Schlafkoje zu. Sie liegt oben in einer Reihe von Schlafwaben, die aussehen wie diese unglaublichen Bilder von japanischen Automatenhotels, von denen ich nie glaubte, dass es sie wirklich gibt. Der Waschraum verdirbt mir die Lust am Zähneputzen. Im Restaurant erwarte ich die üblichen lustigen betrunkenen Skandinavier auf dem Heimweg von einer Sauftour durch Europa. Statt dessen sitzen erschöpft blickende Trucker hinter einer Büchse Cola und tuscheln in slavischen Sprachen miteinander. Leise beginnen die Schiffsmotoren zu vibrieren. Der Abendhimmel über dem Hafen ist so tiefblau und sternenlos wie ich ihn mir erträumt habe. Ich fühle mich wie Jack Kerouac als “Lonsome Traveler“. Das wars wert.

Am nächsten Morgen um sechs lichtet sich der Morgennebel. Wir laufen in Trelleborg ein, und es ist klar, dass das Abenteuer schon vorbei ist. Alles ist wie erwartet. Alles funktioniert. Ich bekomme in dem fremden Land keine andere Münzen in die Hand, muss kein Wort wechseln und niemand will meine Papiere oder meine Corona-App sehen. Alles geht mit Kreditkarte und reibungslos. Zwei Stunden später bin ich über den Öresund in Dänemark. Und noch drei Stunden später sitze ich bei der Schwiegermutter von Hanne an einem festlich gedeckten Tisch, auf dem neben vielen Bierdosen und süß eingelegtem Hering ein kleiner Dannebrog, die dänische Fahne, steht. Wie immer, wenn es in Dänemark etwas zu feiern gibt. Und ich bin zum richtigen Tag erschienen: Es ist Pfingsten, Vatertag und Verfassungstag. Die alte Dame entscheidet, dass ein Öko-Bier der Marke “Bavaria“ das beste für mich sei und geht danach zum Aquavit über. Linien-Aquavit. Der beste, den es gibt. Er muss in einem Eichenfass zwei Mal den Äquator überquert haben, bevor er abgefüllt werden darf. Ich trinke auf Ex und muss als einziger husten. Die Hausherrin meint höflich, das sei ein Zeichen, dass ich bei meiner nächsten Reise den Aquavit über den Äquator begleiten sollte, um mich an ihn zu gewöhnen. Die Frau spricht mir aus dem Herzen.