How to be good

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Wieviel Leid muss der Mensch ertragen können, um die Welt zu retten?

Ich wollte meine Tochter besuchen, die gerade in Venedig studiert. Und ich wollte das so machen, wie ich das immer mache: Da wo ein Zug hinfährt, muss ich nicht hin fliegen. Und die kluge Tochter hat es mir vorgemacht und ist mit dem Nachtzug von München nach Venedig gefahren. Das ist ein Zug, den man im Fahrplan der Deutschen Bahn vergeblich sucht und erst findet, wenn man bei der Österreichischen Bundesbahn nachschaut. Aber immerhin, es gibt ihn. Und ich liebe es, mit dem Nachtzug zu reisen. Reine Nostalgie, ich weiß, aber es ist auch ein gutes Gefühl , dem Klima ein paar Tonnen Kohlendioxid zu ersparen und  auch noch eine dramatische Alpenüberfahrt bei Nacht gratis dazu zu bekommen. Ganz großes Kino!

Doch ich bin zu spät. Der Klimawandel hat nicht nur mein Reiseziel unter Wasser gesetzt, er hat auch den Alpen einen Sturzregen beschert, der die Gleise unterspült hat. Seit Tagen bekomme ich von der ÖBB Nachrichten, die mir Umleitungen und Verspätungen ankündigen. Doch wer bin ich, dass ich mich von solchen Kleinigkeiten von einer Reise abhalten lasse? Mit Zugverspätungen in südlichen Ländern verbinde ich die wunderbarsten Erinnerungen an Zeiten, in denen man noch mit anderen Rucksackreisenden und ein paar Clochards in den Bahnhofshallen übernachten konnte. Aber in der Mail von gestern war eine weiter Warnhinweis: Streik bei der italienischen Trennord. „Viva lo sciopero!“ war ein extra Kapitel in meinem Reiseführer „Anders Reisen Italien“, mit dem ich in den frühen 80ern das Land bereiste. Es lebe der Streik, jawoll! Jeder Streik ein weiterer Schlag in die Fresse des Kapitals. Natürlich waren wir solidarisch mit den Genossen der Eisenbahngewerkschaft. Heute unkt meine sozialdemokratische Kollegin „Da wollen bloß ein paar gut bestallte Bahnbeamte durchsetzen, dass sie weiter mit 58 in Rente gehen können.“ So weit ist es mit der internationalen Solidarität gekommen.

Und ich? Ich muss zugeben, dass die Aussicht auf einem nasskalten norditalienischen Bahnhof Ende November mit ungewissen Aussichten über Stunden hinweg auf meinem Gepäck zu sitzen mich nicht wirklich begeistert. Warum streiken die Kollegen nicht im Sommer?

Also doch fliegen? Als fliegender Streikbrecher und Klimasünder gleichzeitig?
Wer sonst könnte das entscheiden als die Generation, von der wir unsere Erde angeblich nur geborgt haben? Ein paar SMS hin und her und meine Tochter schickt mir eine Verbindung von easyjet, 150 Euro hin und zurück. Und sie sagt mir, dass ich Zusatzgepäck buchen soll. In Venedig braucht man Gummistiefel.

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Uhrmacher

Es gibt so viel schmierige Werbung mit Familienglück in den Weihnachtsbeilagen, die langsam wieder anfangen, die Zeitungen dick zu machen, dass ich fast krank werde davon. Diese Zeitungen, die auf Seite 3 das Schicksal der ärmsten dieser Welt brilliant und einfühlsam beschreiben und dann in der Hochglanz-Magazinbeilage eleganten Designer-Schnick-Schnack für die Münchner Stadtvilla präsentieren. Natürlich auch im redaktionellen Teil. Und auf der Rückseite, in dezentem Schwarz-Weiß gehalten immer wieder Werbung für teure mechanische Armbanduhren. Und man sieht den Mann in den besten Jahren, erfolgreich aber sportlich elegant, mit so einer Schweizer Luxuszwiebel am Handgelenk, wie er seinem wie aus dem Ei gepellten Sohn, den er wahrscheinlich gerade vom Internat abgeholt hat, freundlich und wissend zulächelt. „Eine Patek Phillipe gehört einem nie ganz allein… eigentlich bewahrt man sie nur für die nächste Generation.“
Ist das nicht wunderbar? Das ganze Jahr dem Shareholder Value die letzten Resourcen und das Klima zu opfern, aber von den vielen Talern, die dabei raussspringen sich eine ganz nachhaltige Uhr zu kaufen, die hoffentlich wasserdicht ist, damit Sohnemann später auch in überfluteten Landstrichen weiß, was die Stunde geschlagen hat.
In unserer Familie lief das mit der Übergabe vom Vater auf den Sohn anders.
Vatter war mal wieder auf Tour und Mutter wahrscheinlich im Keller, in der Waschküche. Ich war sechs oder sieben und stromerte durch die leere Wohnung. In der Nachttischschublade meines Vaters fand ich drei goldene Uhren: Für 100 000 unfallfreie Kilometer, für 250 000 unfallfreie Kilometer und für 500 000 unfallfreie Kilometer. Ein goldener Löwe glänzte auf dem Ziffernblatt. Das Markenzeichen der Firma Büssing aus Braunschweig. Der Braunschweiger Löwe eben, der auch auf dem Kühlergrill des LKW prangte, mit dem mich mein Vater ab und zu mitnahm. Die Uhren überzustreifen und den Sandkastenfreunden zu zeigen, war eins. Leider kamen sie aus der Buddelkiste nicht wieder so strahlend heraus, wie ich sie in Erinnerung hatte. Eine hatte ich wohl auch verschenkt. Erstaunlicherweise bekam ich kaum Ärger deswegen. Vielleicht, weil sie schon kaputt waren als ich sie fand, es waren ja eigentlich nur Werbegeschenke, oder weil sich mein Vater aus Armbanduhren nichts machte, weil er in seinem Führerhaus einen Fahrtenschreiber hatte, der präzise jede gefahrene Minute aufzeichnete (und von dem er wusste, wie man ihn manipulieren konnte, um noch mehr Überstunden zu machen), oder vielleicht, weil er schon die Uhr für eine Million unfallfreie Kilometer mit goldenem Flex-Armband am Handgelenk hatte. Es wurde mir verziehen und der Liebe Gott persönlich schenkte mir zur  1. hl. Kommunion eine kleine Junghans mit hellem Zifferblatt und Leuchtziffern, mit denen ich mich stundenlang unter der Bettdecke beschäftigen konnte. Und die Faszination blieb.

Für manche Männer sind Uhren ein Zeichen, das ihren Erfolg im Leben zeigt. Für mich sind sie ein Instrument, Männerherzen zu öffnen. Das geht schöner und subtiler als mit Fußball und Autos oder Alkohol. Als ich nach dem Abitur ein Praktikum auf einer Männerstation machte, hatten meisten Männer ihre Armbanduhren an den Bettgalgen gehängt, um Platz zu schaffen für die Nadeln und Kanülen in ihrem Unterarm. Ein Hinweis auf die schöne Uhr und die Frage, woher sie die denn hätten, und schon erzählten sie eine Lebensgeschichte. Hochzeit, Krieg, der verstorbene Vater… Einmal bekam ich auch von einem jüdischen Patienten eine Lektion fürs Überleben im KZ. Ich hab sie mir gemerkt. Denn damals, als Franz Josef Strauß Bundeskanzler werden wollte, war noch nicht klar, auf welcher Seite des Stacheldrahts wir Langhaarigen und Schmeißfliegen hinterher landen würden. Der Uhren-Trick klappt fast immer. Ob bei garstigen Vorgesetzten oder skeptischen Schwiegervätern und später bei der Arbeit als Journalist war er ein Türöffner zu sehr verschlossenen Quellen. Vielleicht auch, weil die Kerle auf  meiner Seite echte Leidenschaft spürten.

Denn seit den Löwen- und Leuchtziffernerlebnissen war ich auf der Suche nach der idealen Uhr. Sie sollte aussehen wie eine der Löwenuhren meines Vaters, eine Stoppuhr musste sie haben, Wasserdicht musste sie sein und schlagfest (wie die Timex, die in der Fernsehwerbung immer auf einer Faust durch eine Glasscheibe geschlagen wurde). Unerreichbar schienen die berühmten sowjetischen Uhren, die sogar einen eingebauten Wecker haben sollten. Und was die Uhren von James Bond alles konnten…. Keine Frage: Der Besitz der richtigen Uhr war so lebensentscheidend wie der Besitz eines Schweizer Offiziersmessers. Und das Drama meines Lebens spielte sich deswegen bei einem windigen Antiquitätenhändler in einem Kölner Hinterhof ab. Er hatte die Uhr meiner Träume, eine Schweizer Fliegeruhr aus den 40ern, so eine, bei der die gelbliche Leuchtziffernfarbe noch aus radiokativem Material war, also ewig strahlte. Aber ich hatte  die 400 Mark nicht, die er dafür wollte und er war beinhart wie ein Dealer. Eine Woche später hatte ich das Geld, aber die Uhr war weg.

Der Rest meines Lebens hatte seither praktisch nur ein Ziel: Die Suche nach dieser Uhr. Auf jedem Flohmarkt Berlins, auf den Polenmärkten der Nachwendezeit bis nach Sankt Petersburg, wo in den bitteren Jelzin-Jahren Armeechronografen und Pistolen auf dem gleichen Tisch verkauft wurden. Immer wieder kaufte ich eine, immer wieder war ich überzeugt, es wäre jetzt die richtige – und immer wieder wurde ich enttäuscht. Entweder merkte ich, dass doch ein ganz wichtiges Merkmal fehlte oder die alten Dinger gingen einfach kaputt. Was mich wiederum zu endlosen Rettungsveruchen bei skurrilen Uhrmachermeistern oder noblen Schweizer Läden auf der Friedrichsstraße brachte. Man kann nicht nur von Babybäuchen Ultraschalluntersuchungen machen, sondern auch von Uhrwerken. Geht aber nicht auf Krankenkasse.

Eine Zeitlang sah es so aus, als könnte die Liebe meine Krankheit heilen. Als ich meiner Freundin verkündete, dass ich jetzt, um meine Pein zu beenden, mein Sparbuch auflösen wolle, um mir für mehrere tausend Euro eine nagelneue Schweizer Uhr zu kaufen, bangte sie nicht nur um die Zukunft des werdenden Lebens, das sie unter dem Herzen trug, sondern auch um meine geistige Gesundheit.
Und sie tat etwas sehr Kluges.
Sie schenkte mir ein Seminar einer Uhrenmanufaktur, bei dem ich mir selber eine Uhr bauen konnte. War ich bisher am idealen Äußeren der Uhren verzweifelt, konnte vielleicht ein Blick in die wahren Schönheiten, die bekanntlich innen wohnen, mich von meinem Fluch befreien. Und so schraubte ich ein Wochendende unter der strengen Zucht eines Uhrmachermeisters der ehmaligen Bundesbahn an einem filigranen Schweizer Werk herum. Erst auseinanderbauen, dann zusammenbauen, dann kalibieren. Es war ein berauschendes Erlebnis, als ich die Unruh einsetzte und das Werk zu pulsieren begann. Ich war geheilt! Keine andere Uhr sollte mehr mein Herz verstören, als die, die ich selbst geschaffen hatte.
Leider vermag die Kraft der Liebe nichts gegen den Lug und Trug in dieser Welt. Nach ein paar Jahren fing nicht nur die Beziehung an zu knirschen, sondern auch das Uhrwerk. Der letzte Meister der Zeit, den ich aufsuchte sah tatsächlich aus wie Einstein und verkaufte nebenher Comics. Er setzte seine Lupe auf und murmelte etwas von „asiatischen Teilen“, die sich schnell abnutzten. Das war das Ende.

Alles was von meiner Odyssee geblieben ist, ist ein schwarzer Schuhkarton in meinem Schrank, der voll  ist mit kaputten Uhren und vielen vergilbten Reparaturrechnungen, die mit Tinte von feiner Uhrmacherhand geschrieben wurden.
Letztes Wochenende hatte ich vergessen, den Schrank abzuschließen, in dem der Friedhof meiner Träume lagert. Meine Jungs zogen den Karton hervor und hatten großen Spaß mit den Glanzstücken, die mir mal alles bedeutet hatten. Ich holte eine Ahle aus dem Werkzeugkasten und stach in die Armbänder ein Loch, damit sie um die dünnen Handgelenke passen. Ich erklärte ihnen, wie man eine Uhr stellt und wie man sie aufzieht. Als ich sie zurück zu ihrer Mutter brachte prahlten sie mit dem, was sie von Papa gekriegt hatten. Da zog der Älteste, der bei seiner Mutter geblieben war, ein langes Gesicht, was mich natürlich traurig machte. Also streifte ich meine letzte funktionierende Uhr ab, eine Casio, die  mich mal in der Altstadt von Ankara angefunkelt hatte, und band sie ihm ans Handgelenk.

Das Ideale ist, keine Uhr mehr zu haben, aber drei strahlende Jungs.

 

 

 

 

 

Früher

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Wäre ich nur 500 Meter weiter gegangen, hätte ich es über die Grenze geschafft. Dort wo die Straße den Berg hoch geht – den Prenzlauer Berg. Dort, wo sich die Baristas hinter U-Boot großen Espressomaschinen verschanzen und wo die Luft erfüllt ist von diabolischem Zischen. Dort hätte ich einen Kaffee nach meinen Wünschen bekommen.

Aber ich musste ja unbedingt am wimmeligen, engen Ende der Invalidenstraße in diesen schäbigen, schmalen Laden, der sich zwischen den Nobel-Food-Läden und der Ackerhalle gehalten hatte. „Backen wie früher“ versprach er mir auf seinem Schild. Und rein optisch ging dieses Versprechen auch sofort in Erfüllung. Früher muss ja nicht ganz früher gewsen sein. Es reicht nach 30 Jahren ja die Zeit direkt vor dem Mauerfall. Ja, und so sah es hier auch aus. Eine abgeschabte Ladeneinrichtung aus wuchtigem Resopal, Stehtische mit zerlesenen Zeitschriften, Glasvitirine mit handgeschriebenen Schildern und ein Blick in eine Backstube, in der noch weiße Knetmaschinen für echten Brotteig stehen. Kein Firlefanz mit Ährenkränzen und dem Bild von wogenden Weizenfeldern. Ein Sperrholzregal mit vier Brotsorten, von denen eine „Scharfe Kruste“ heißt und Schluss.

Aber heißt „Backen wie früher“ auch Kaffee wie früher, also ganz früher? Ich wage es und bestelle einen Milchkaffee. Und weil ich nicht weiß, wie weit der Geist der Cafelatte–Enklave auf dem Berg schon bis hierher heruntergeschwappt ist sage ich vorsichtshalber „ohne Schaum“. So war das nämlich früher, schwärme ich der Verkäuferin vor, als Milchkaffee noch „Cafe au Lait“ hieß. Ganz Connaiseur schwadroniere ich von einem „Noir“ den man mit gleichen Teilen Milch auffüllen muss, natürlich heißer Milch…  Die Frau hinter dem Tresen schaut mich in ihrer Kittelschürze ungerührt an und raunzt: „Ohne Schaum kann die Maschine nich.“

„Also früher…“ hebe ich wieder an, komme aber nicht weit weil ich unwirsch von einem jüngeren Herrn im wieder modischen Halbmantel unterbrochen werde: „Früher gab’s mehr Lametta.“ Spricht’s und drängelt sich vor mit seiner Bestellung, natürlich Vollkornbrot, und lässt mich sprachlos. Depp! Das hieß doch ganz anders. „Früher war mehr Lametta“ polterte doch der preußische Opa bei Klimbimm. Aber was weiß so ein junger Schnösel schon von früher? Und für eine schmissige Antwort ist es eh zu spät. Dafür dauert es in meinem mit Erinnerungen überfüllten Gehirn zu lange.

Also wat wolln‘ se nu?, drängelt die Berliner Bäckereifachverkäuferin. „Einen Kakao, einen heißen, stammle ich perplex.  „Dit jibt’s nich“ kommt es direkt zurück. „Wir ham Kakao nur kalt, hier in Flaschen.“ „Hier, auf ihrer Tafel steht’s doch.“, raunze ich ich jetzt auch. Nach 25 Jahren in Berlin bin ich im Zurückbellen geübt. Aber ich habe es  mit einer einheimischen Fachfrau für Höflichkeit zu tun. „Könnse nich lesn?“, blafft die Herrscherin über eine jämmerliche Baumarkt-Kaffeemaschine. „Da steht heiße Schokolade. Also wat wolln‘ se nu?“

Na das garanitert nich: Mich noch mal anblaffen zu lassen, so wie früher. Mein Weg führt mich über den früheren Mauerstreifen zurück in den heutigen Wedding. Zu freundlichen Falaffel-Bäckern und gut gelaunten Youngstern.
Von früher vermisse ich nichts mehr.

Ach ja, wer mehr über Berliner Bäckereiromantik lesen will, dem empfehle ich den Roman „Schmetterlinge aus Marzipan“ von Daniela Böhle. Eine Frau kämpft sich durch die Backstube zum Glück. Gar nicht süßlich, sondern sehr handfest.

Mensur

Muss mal wieder zum Friseur. So verstrubbelt wie ich die letzte Zeit aussehe, so mit grauem Bart und mit meiner verknautschten Jacke drückt mir sonst in der U-Bahn noch jemand einen Euro in die Hand. Außerdem will ich mir heute Abend noch was Gutes tun. Der Tag war zäh und schlecht geschlafen hab ich auch. Salon Almyria hat bis um achte auf, das schaff ich noch. Es erwartet mich der finster dreinblickende Chef und sein hochgewachsener Gehilfe, der immer ein bisschen ungelenk und dümmlich in der Gegend herumsteht oder mit dem Handy spielt. Aber anscheinend ist er aufgestiegen, denn Haare muss er nicht mehr auffegen. Das übernimmt heute ein Neuer, ein Knabe mit lockigem Haar, nach dem Thomas Mann sich verschmachtet hätte.
Keiner nimmt mich wahr, keiner grüßt mich und ich setze mich verdruckst aufs Besuchersofa. Der Chef würdigt mich keines Blickes und es ist klar warum. Vor vier Wochen habe ich seinen Laden auf den Kopf gestellt, weil ich dachte, dass ich mein Hörgerät bei ihm verloren hätte. Die Dinger kosten 1300 Euro das Stück, da darf man schon mal ein bisschen unverschämt sein und unter die Frisiertische schauen, in die Scherenhalfter und unter das Schaiselong. „Is hier nicht“, vertrieb er mich endlich „hast du draußen verloren.“ Hat er wohl recht gehabt. Jetzt hab ich ein neues, hat die Kasse auf Kulanz gemacht. Habe ich aber vorsichtshalber ausgezogen, bevor ich in den Laden kam, aber der Chef ist trotzdem sauer. Und so bleibt nur der linkische Lulatsch, der mich mit einer unsicheren Geste auf seinen Stuhl winkt. Ich bin nicht gerne bei ihm, denn er redet nicht viel und selbst die „Oben Stufe 9, Seite Stufe 6“-Standardanweisung kommt bei ihm glaube ich, nicht so ganz an. Und mit Bart wird es ja noch komplizierter. Aber er schnippelt beherzt los, bis ich ihm bedeute, dass ich den Bart deutlich kürzer haben will. „Stufe?“ fragt er mürrisch und ich zucke die Schultern. Der Chef wüsste was zu tun ist und ich bin nicht zum Reden hier. Ohne weitere Fragen nimmt er sein größtes Gerät und raspelt grob an meiner Manneszier. Dann figarot er noch ein bisschen mit dem Rasiermesser in den Ecken und weil er mit seinen Anweisungen ein bisschen lahm ist, hab ich mich zu langsam gedreht und ratsch, hat er mir einen Schmiss auf die Wange produziert. Na wunderbar! Wollt ich schon immer haben. „Wie weiland Bursch zu Heidelberg.“ Als wär nix gewesen kramt er nach dem Alaunstift und ätzt ein wenig an der blutenden Stelle herum. Na wenigstens entschuldigen hätt er sich können. Aber nix. Er schweigt. Und weil ich ihn jetzt für den letzten Deppen halte, sage ich jetzt sehr deutlich, was ich von ihm will. Die Augnbrauen noch und die Ohren. Ohhh, oh, das hätt ich besser sein lassen. Den schon hat er eine Klemme mit einem dicken Wattebausch in der Hand, den er reichlich mit Rasierwasser tränkt. Er fummelt sein Feuerzeug aus der Hosentasche und schon brennt das ganze wie ein Molotowcocktail bei der letzten Intifada. Ich erstarre, er wirbelt mit der Frisörfackel um meine Ohren, es knistert und stinkt nach verbrantem Haar, aber, oh Wunder, die Ohren sind noch dran. „Feuerwerk!“ grinst er gutmütig und übergießt alles was an Haaren an mir dran geblieben ist großzügig mit Rasierwasser.
Na, insgesamt hat er alles ganz gut hingekriegt, denk ich als er mit dem Spiegel hinter meinem Kopf herumtanzt. Trinkgeld ist drin, trotz des Kratzers. Er lächelt mich freundlich an, schiebt die Kasse zu und will mir noch was Nettes mit auf den Weg geben. „K kkalt ist es heute, nn icht?“ Oh Gott, der arme Kerl stottert. Wahrscheinlich kommt er auch auf Arabisch nicht zu Wort, bei dem grantigen Chef. Na, da tut er mir jetzt schon ein bisschen leid. Aber das hätt er doch auch vorher sagen können.

Westwärts

Eigentlich wollt ich ja was ganz anderes schreiben. Aber als ich den Blog aufmache, lese ich als Erstes die epische Geschichte von Glumm über seine Fahrten per Autostopp nach Frankreich. Und die ist so gut, dass ich selber zurückrutsche in diese Zeit Ende der 70er, als ich mit Rucksack und Freund Werner durch Frankreich getrampt bin.
Werner war ein ruhiger Typ, einen Kopf kleiner als ich und der Chef unserer Amesty-Gruppe. Er lebte bei seinen Eltern, in einem Eifel-Dorf neben der A 61. Sein Vater hatte bei Eternit gerackert. Jetzt hatte er Asbestose und hustete sich zu Hause die Lunge aus dem Leib. Werner rauchte Selbstgedrehte. Er war Landvermesserlehrling, ich hatte es ein Jahr zuvor von der Realschule auf’s Gymnasium geschafft,
Wir wollten trampen und wir wollten nach Irland, wegen der Musik und so.
Mit dabei: Zwei sperrige Tragegestell-Rucksäcke, ein Fähnchen von einem Nylon-Zelt, das unter Garantie nicht einen Tropfen Regen abhalten würde und den bleischweren Schlafsack meines Vaters aus der Schlafkabine seines LKW. Mein Vater war Fernfahrer und nahm uns bis Oostende mit. Wie wir es dann bis nach Calais geschafft haben, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass wir es uns in den Kopf gesetzt hatten, genau auf den Kreidefelsen über der Stadt unser Zelt aufzubauen. Klappte aber nicht. Wir waren 17, noch nie an der See gewesen und wussten also auch nix vom Wind, der über die Klippen peift. Die Nacht brach ein, und wir hatten nix zum Schlafen. Und dann tat Werner das, was er in den kommenden Wochen immer tun würde, wenn wir nicht weiter wussten: Er drehe sich eine und rauchte. Damit strahlte er für mich so eine Ruhe aus, dass ich ganz zuversichtlich wurde. Wir haben noch in der gleichen Nacht in einem Laster den Kanal überquert.

Wenn mich vor einer Stunde jemand gefragt hätte, wie ich mich mit 17 gefühlt habe, dann hätte ich gesagt: Ich war der traurigste Mensch auf meiner Schule. Das Mädchen, das ich ich auf der ersten Fete (ja so hieß das, wie man es schreibt, nicht französisch mit Striche obendrauf) auf der neuen Schule kennen gelernt hatte, hatte einen anderen, die Bürgerkinder waren mir Realschüler in allem eine Nasenlänge voraus und nach Hause kam ich am besten, wenn meine Mutter schlief (Vatter war ja immer auf Tour) um mir nicht wieder eine Predigt wegen meiner langen Haare anzuhören.
Verdammt in alle Ewigkeit.
Ich hatte diesen Sommertripp vergessen, als wir  in England auf einer Wiese zelteten und morgens ein langhaariger Typ zu uns kam und uns zu einer Tasse Tee in sein Cottage einlud, als wir es schafften unsere riesigen Rucksäcke und unsere zwei biegsamen Leiber für 150 Meilen auf dem Rücksitz eines Minis zu verstauen, bis zum Fährhafen nach Irland (Holyhead?). Und wie wir es in Irland keine Meile voran schafften, weil Benzin gerade Mangelware oder zu teuer war und die wenigen alten Autos, die in diesem armen Land überhaupt fuhren, mit kinderreichen Familien vollgestopft waren. Auf einer nebligen Kreuzung im Nirgendwo, Werner war gerade dabei, sich wieder eine zu drehen, pickten uns zwei Deutsche mit einem großen Volvo auf und brachten uns auf’s französische Festland zurück.
Ich weiß nicht mehr, von was wir uns vorher ernährt hatten, in Frankreich auf jeden Fall führte ich eine strenge Baguette-Tomaten-Käse-Rotwein-Pflicht ein, weil ich das so typisch französisch fand. Ich drehte auf, sprach ganz passabel Französisch, weil ich auf der Realschule in meine Französischlehrerin verliebt gewesen war und beim Schüleraustausch mitgemacht hatte. Werner redete auch auf Deutsch nicht so viel und wollte auf dem schnellsten Weg nach Hause. Das Zelten hatten wir längst aufgegeben und uns auf Jugendherbergen verlegt. Irgendwo in Lothringen fanden wir in der einbrechenden Dunkelheit an einer Herbergstür statt eines Herbergsvaters einen Zettel: „Der Herbergsvater wird nicht dafür bezahlt, den ganzen Tag auf Reisende zu warten. Wer die Schlüssel für die Herberge braucht, soll bei mir vorbei kommen. Ihr findet mich im Café …“ Ich war von diesem libertären Arbeitsethos, das ich für typisch französisch hielt, begeistert. Werner war sauer, dass wir jetzt noch mal mit vollem Gepäck durch die Stadt laufen mussten. Außerdem ging es ihm auf die Nerven, dass ich jeden Menschen, den wir an den Autobahnauffahrten trafen, und der wie wir beiden eine Anti-Atomkraft-Sonne an der Jacke trug, wie einen alten Bekannten begrüßte. Für mich waren alle, die dagegen waren (Atomkraft, Aufrüstung, Berufsverbote…) meine Freunde. Werner wollte weiter.
Wir schafften es tatsächlich, bis zur letzten Autobahnraststätte an der A 61 zusammen zu bleiben. Es war Nachts und wir sprachen eine Frau mit einem schicken BMW an, die gerade tankte. Sie musterte uns beide abgerissenen Gestalten und meinte „Ich muss ja völlig verrückt sein, mitten in der Nacht, zwei Männer, aber kommt, steigt ein.“
Das letzte Stück liefen wir auf dem Seitenstreifen der Autobahn, auf dem uns die Frau absetzte, nach dem sie die ganze Fahrt nervös geschnattert hatte, denn bis zu Werners Dorf hatte sie uns dann doch nicht bringen wollen. Vielleicht rochen wir ihr zu streng. In dieser Nacht schlief ich zum ersten und letzen Mal in Werners Zimmer. Ich hörte seinen Vater husten.

 

Before, in and after the Wedding

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Kindermund

Bin mit meinen Söhnen auf dem Weg zum Fotografen. Der Fotograf, der auch alle Babybilder von ihnen gemacht hat. So Bilder, auf denen man als Paar glücklich lächelnd auf dem kuschligen Schafsfell sitzt und das Baby in die Mitte nimmt. Der Fotograf ist klug, denn er hat seinen Laden direkt neben dem Hochzeitsgeschäft. Zuerst die Hochzeitsfotos, dann die Babybilder. Normalerweise jedenfalls. Bei uns war’s ja anders. Das fällt jetzt auch einem meiner Jungs auf: „Papa, was ist eigentlich Hochzeit?“ fragt er vor dem Schaufenster mit den Rüschenkleidern. „Hochzeit ist“, erwidere ich unwillig, „wenn Mann und Frau sich sagen, dass sie immer zusammen bleiben möchten.“ Pause. „Hast du deswegen Mama nicht geheiratet, weil du wusstest , dass ihr es nicht miteinander aushaltet?“ Die Frage kommt nicht vorwurfsvoll sondern sachlich. Er versucht sich einen Reim auf das Durcheinander der letzten Jahre zu machen. Was soll ich ihm erzählen? Von all der schönen Zeit, die ihre Mutter und ich hatten, die romantischen Liebeserklärungen, die vielen Reisen, bis…na ja bis die Kinder kamen. Nicht eins, sondern gleich zwei auf einmal. Aber das würde ja heißen, dass die Kinder schuld sind. Und das, Lektion 1 für Trennungseltern, darf man den Kindern nie und niemalsnicht sagen. Haben wir einen Kurs für gemacht. Dafür hat’s nach der Trennung noch gereicht. Außerdem stimmts nicht. Ich habe mir nie vorstellen können, so wie meine Eltern, mein Leben lang mit einer Frau zusammen zu leben. Jetzt hab ich den Salat und drei Kinder und mehr. Und manchmal klappt es so auch ganz gut – so getrennt. „Hm“, antworte ich meinem Sohn, „so ungefähr.“ Mit der Antwort ist er zufrieden, ich auch.

Unter Männern

Nach solchen nervenzehrenden pädagogischen Herausforderungen suche ich manchmal die Ruhe und Stärkung durch kräftige Speisen. Der Wedding bietet ja nicht nur Restaurants aus aller Welt, sondern auch an, versteckten Ecken, noch deutsches Deftiges. Nix wie rin also. Und im „Fabea“ wird nicht nur deutsche Küche geboten, sondern auch ein deutscher Stammtisch. Vier Männer von Vierzig bis Siebzig am Samstag früh bei Bier und Kümmerling.  Ich studiere die Speisekarte, die so deutsch ist, dass sie sogar in Fraktur gesetzt wurde (übrigens immer in der falschen, aus England stammenden gotischen Typo). Drüben geht’s um Fußball. Und so sehr ich dem Koch danke für seine sublime austro-erotische Kreation 31 „Erdäpfel küssen Eier, dazu Gewürzgurke“, entscheide ich mich doch für den Klassiker „Kassler Nackenkamm mit Sauerkraut“. Am Stammtisch sind die Männer inzwischen bei der Verurteilung eines KZ-Aufsehers angelangt („Unmöglich, so was gibt es nur in Deuschland“. „Die DDR-Grenzer, die haben wirklich geschossen, die verurteilt niemand…“) Muss ja nicht stimmen, aber sie sind ja am Stammtisch, da hat jeder Recht. Und überhaupt: Schimpfen die Männer schon längst wieder über den Berliner Senat und die Grünen mit ihren Fahrradwegen, die sich wundern werden…. und so weiter. Was mich freut ist, dass keiner schreit, keiner den Platzhirsch macht,  und dass auch mal ein „kann man ja auch mal so sehen…“ dazwischen kommt. Mein Kassler ist auch schon da, ein ganzer Teller voll, ohne besondere Feinheiten, aber solide. Ich entschuldige mich bei dem armen Schwein, das für meine Gelüste sein Leben lassen musste und gehe beruhigt nach Hause, bis ich an einer Litfaßsäule hängen bleibe:

After the Wedding

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After the Wedding?

Was soll nach dem Wedding schon kommen?

Erstmal kommt der Wedding (schon seit Jahren).

Und dann kommt lange nix.

Lange

Und dann kommt Reinickendorf.

Ein Film über Reinickendorf?

Wie öde ist das denn?

Schönet Wochenende noch, wünsch ick Ihnen

Weddingfenster

Paderborn hat ein „Hasenfenster“, Heidelberg hat ein „Hiroshimafenster“ und ich hab jetzt ein „Weddingfenster“. Jahrelang war ich Tag für Tag auf dem Weg von der Arbeit an Daniels Laden „colorblindpatterns“ in der Antwerpener Straße vorbeigeradelt. Und immer war ich fasziniert von der arabisch angehauchten Kalligrafie, die er in immer neuen Variationen auf sein Schaufenster malte. Heute hatte ich Zeit, hab mir ein Herz gefasst und bin reingegangen. Und ich hatte Glück. Daniel ist nicht nur ein freundlicher Mensch, er hatte, so wie ich, an diesem ruhigen Brückentag ein bisschen Zeit und zwei Stunden später war er schon am Werk. Mit einem Kreidestift, wie ihn sonst Cafés für ihre Speisekarten nutzen, zauberte er mir Grüße aus einer fernen Welt auf die Kastenfenster, die mich an meine Moscheebesuche in der Türkei und gleichzeitig an das Multikulti im Wedding erinnern.  Und wenn ich davon mal genug habe, halten sie mir auch die Blicke der neugierigen Nachbarn vom Hals und versüßen mir den Blick auf die grauen Fassaden gegenüber. Gespannt bin ich schon, welche Muster das Gaslaternenlicht heute Nacht durch das Buchstabengitter auf meine Wand werfen wird. Weil alle Kunst ein Geheimnis hat, lohnt es sich genau hinzuschauen: In vier der sechs Kassettenfenster hat Daniel die Anfangsbuchstaben meiner Kinder versteckt – in Fraktur.
Und sollten die Fenster im sürmischen Winter wieder kalte Luft reinlassen, hol ich mir nach dem Grafiker einen Dichter ins Haus….;-)

Daniel macht übrigens auch Textilien und Taschen mit diesen und anderen grafischen schwarz-weiß-Mustern. Schaut mal rein, wenn ihr in Berlin seid.

colorblind patterns
Daniel Arab
Antwerpenerstraße 46
13353 Berlin
colorblindpatterns.com

 

 

Lasset die Kindlein

 

Ein grauer, regnerischer Tag in Berlin. Also schnapp ich mir den Fotoapparat und such mir was in meinem Kiez, was Buntes. Muss nicht lange laufen, um mein Thema zu finden. In so ziemlich jeden leerstehenden Laden ist in den letzten zwei-drei Jahren eine Kita eingezogen. Der Kindersegen muss enorm sein. Die Grundschule musste Container aufstellen. Während die Hipster-Cafes schon wieder pleite gehen, und der Montessoriladen seine Pforten für immer geschlossen hat (was da jetzt wohl reinkommt?) boomen die Hinterhofkitas.

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Und wenn die Sonne wieder scheint machen wir weiter mit den neuen Seniorenresidenzen und Pflegestationen, wo die Baby-Boomer meiner Generation so nach und nach versorgt werden….

Neues Füllwort, genau

Ich saß heute in einem Seminar mit lauter Dreißigjährigen. Und wenn die Youngster was können, dann präsentieren. Kommt also eine nach dem anderen nach vorn und stellt was vor. „Ich bin Maike.“ Pause „Genau.“ Ja, genau die Maike bist du, die jetzt vorne steht. Oder gibt es noch eine im Raum?, frag ich mich. „Und wir haben jetzt in unserer Session dieses Ergebnis zusammengetragen.“ Pause, Trommelwirbel!! „Genau.“ Aus dem Publikum kommt eine Frage zu ihrem Poster, und Maike antwortet: „Genau! Das ist nicht so, wie du es vermutest, sondern… Genau.“ Nach Maike kommt Golo, nach Golo Julia und nach Julia Robin. Und?  Genau! Alle fangen ihre Sätze mit dem kleinen Bestätigungswörtchen an, ohne irgend etwas bestätigen zu wollen. Wenn man heute nicht weiter weiß, wenn die Gedanken an der letzten WhatsApp hängen geblieben sind,  dann bestätigt man einfach ins Blaue hinein irgendetwas, um danach völlig ungeniert das Gegenteil zu sagen. Wo haben die das gelernt? Auf der Hertie School of Governance, die die Hälfte unserer jungen Eleven besucht haben? Oder bringen sie sich das selber bei? Oder beantwortet man heute sich seine Fragen einfach selber. „Liebst du mich?  Genau.“ Was ist mit dem doofen alten „ähhh“ geworden. Ist das zu sehr 80er? Zu viel Unsicherheit? Zu viel Boris und Barbara? Ist von der angeblich so präzisen deutschen Sprache nur das Wörtchen übriggeblieben, das Präzision verspricht? Wie würde man in England sagen? Exactly.

Selten so gelacht

Ist das wirklich schon fünfundzwanzig Jahre her, dass ich so laut gelacht habe? Als ich in meinem schäbigen Büro am hinteren Ende einer grauen Plattenbausiedlung am Rande von Berlin saß, in einem Raum mit beigebraunen Pressholzmöbeln im oberen Stockwerk eines in die Gegend geworfenen Einkaufszentrums in Weiß und Rot, so wie sie nach der Wende zu Hunderten hochgezogen wurden, in dieser Behörde, die genau an der letzten Haltestelle der Berliner U-Bahn, aber eben genau 50 Meter von der Stadtgrenze entfernt auf dem Gebiet von Brandenburg untergebracht worden war, wie es der Einigungsvertrag vorschrieb? In diesem zusammengewürfelten Laden, in dem die Chefs alte Männer aus Bayern waren, die ihre Muschkoten abteilungsweise aus den abgewickelten DDR-Ministerien rekrutierten. Doktores, Ingenieure und Beststudentinnen, die jetzt Stück für Stück alte Sozialakten auseinanderrissen, in denen Arbeiter- und Bauernschicksale auf blütenblattdünnem Durchschlagpapier eingeprägt waren: Hitzschläge in unbelüfteten Mähdrescherkabinen, Mopedunfälle mit unbeleuchteten Sowjetpanzern und  immer, immer wieder Allergien an ungecremten Melkerinnenhänden. Zerrissen in drei Teile, damit sie in das bundesdeutsche Sozialsystem passten, und ergänzt durch ungeschickt getippte Eingaben und von groben, von lärmenden Schreibrad-Druckern ausgespuckten Textbausteinen, die meist nur ein Ergebnis kannten: Ablehnung!

In dieser stumpfen Hölle der Bürokratie, in der ich meinen ersten Job nach dem Studium gefunden hatte, flatterte mir schon nach ein paar Tagen ein Brief auf den Tisch. Amtlich, mit meinem Namen, adressiert mit „im Hause“. Und dieser Brief aus der Personalabteilung ließ mich so laut  lachen, dass es auf den traurigen Fluren über den grauen Nadelfilz hallte. Ein Brief wie von einem besonders guten Komiker geschrieben. Vielleicht einer von der Zeitschrift „Titanic“, die bis dahin neben den Gesetzeskommentaren meine Pflichtlektüre war. „Hiermit wird ihre Jubiläumsdienstzeit gemäß Jubiläumsdienstverordnung wie folgt festgesetzt…“ Und akribisch wurde dann genau der Tag festgelegt, an dem man mich zu meinem 25. und mein 40. Dienstjubiläum beglückwünschen würde. „Here is you goldwatch and shackles for your chain. Set your sign on the dottet line and work for 50 years.“ Ich wollte nicht wahrhaben, dass mich diese längst totgeglaubte Welt, die ich aus den Protestongs der 68er kannte, gefangen hatte. Ich zeigte den Brief abends meiner hochschwangeren Freundin, und sie sagte mir anerkennend, dass sie es zu schätzen wisse, welchen Wahnsinn ich auf mich nähme, um unsere junge Familie bald ernähren zu können.

Nun, der Wahnsinn hatte gerade erst angefangen. Wenige Wochen später lehnte der bayerische Direktor meinen Antrag auf Sonderurlaub für die Geburt ab, mit der Begründung, ich sei ja mit der Mutter nicht verheiratet. Und Sonderurlaub bekämen nur Ehegatten. Das führte dazu, dass ich, nachdem ich mit meiner Freundin in den ersten Wehen die Nacht in der Klinik verbracht hatte, mich morgens auf zur Arbeit machte. Ich war in der Probezeit und meine Freundin noch in der Ausbildung. Ich durfte den Job nicht verlieren. Ständig rief ich vom Büro aus in der Klinik an. Handys gab’s ja noch keine. Aber die Schwestern beteuerten immer, dass es noch nicht so weit sei. Und als ich dann endlich den Mut hatte, mein Büro zu verlassen, war meine Tochter schon halb im Krankenhausfahrstuhl zur Welt gekommen. Gottseidank war alles gut gegangen. Aber das wussten wir erst ein banges halbes Jahr später.

Aus Rache beantragte ich, sobald ich konnte das, was damals „Erziehungsurlaub“ hieß. Und mein Direktor sagte mir ins Gesicht, dass ich, wenn ich das täte, nicht wiederkommen brauchte. Das war nicht im Mittelalter sondern Mitte der Neunziger. Ich nahm ihn beim Wort, suchte mir, während ich mit der Tochter am Sandkasten saß eine Stelle bei  der Zeitung und glaubte, dass sich das mit dem Dienstjubiläum ein für alle mal erledigt hätte.

Doch als Kafka-Jünger hätte ich wissen müssen: Die Mühlen der Bürokratie lassen niemanden aus ihren Klauen. Irgendwie hat mich der Wind des Lebens doch wieder in an die sicheren Strände der Jubiläumsdienstverordnung geweht. Ich war nicht mehr jung und ich brauchte das Geld. Schließlich habe ich mittlerweile vier hungrige Mäuler zu füttern. Und weil sich die Zeiten und die Gesetze geändert haben, konnte ich bei allen weiteren Geburten dabei sein. Aber alles hat seinen Preis. Und so ist gestern passiert, was ich in jugendlichem Übermut niemals geglaubt hätte: Zwischen Fahnen aufgestellt, mittlerweile mit grauem Bart, erhielt ich von meiner Abteilungsleiterin eine Urkunde zum 25. Dienstjubiläum, in der mir allen Ernstes „für die dem deutschen Volke geleisteten treuen Dienste“ gedankt wird. Und ich dachte, ich hätte für Geld und meinen Chef gearbeitet.

Meine Tochter habe ich zum meinem Jubeltag  morgen ins Theater eingeladen. Sie hat sich „Onkel Wanja“ im Deutschen Theater ausgesucht. Tschechow finde ich zwar ein bisschen langweilig, weil die Figuren da immer rumstehn und jammern, dass sie nichts tun können. Aber die Moral des Stückes, die die Dramaturgen auf den Programmflyer gedruckt haben, ist für mich hochbrisant. „… und so erkennen beide (Sonja und Onkel Wanja), dass sie 25 Jahre einem Irrtum gedient haben.“ Na, mal schauen.