Shikedim, Shikedim

Wieder so eine Geschichte, die aufgeschrieben werden muss, die zu schade wäre, um vergessen zu werden. Gehe ich also gestern endlich mal vor die Tür, nicht so einfach um die Ecke, sondern nach Berlin-Neukölln. Das ist sozusagen das Paralleluniversum zum Wedding: Das Gleiche noch mal auf der anderen Seite der Stadt, aber mit noch mehr Dönerbuden, Handyshops und Hippster-Bars. Und es gibt den Heimathafen – eine Hinterhof-Bühne in einem prächtigen Gründerzeit-Saal, die etwas im Programm hat, was ich bei mir im Kiez vermisse: Türkischen Pop. Ernsthaft.

Als ich vor fast dreißig Jahren in Berlin ankam kriegte ich eine Kassette mit türkischen Popsongs in die Hand. Leierte ich dann von hinten nach vorn. Treibender Rhythmus, traurige Stimmen, passte zur Stadt. Tarkans „Kiss Kiss“ wurde dann später zum Hit, zumindest im „Radio Multkiulti“ vom rbb, das inzwischen eingestellt wurde, wie auch das politische Projekt gleichen Namens. De Film „Crossing the Bridge“ von Fathi Akim über die aktuelle türkische Musikszene hat mich dann nach Istanbul gebracht. Viel später kamen dann „Songs of Gastarbeiter“ und der Film „Liebe, D-Mark und Tod“, über die Musik der Gastarbeitergeneration. So, das muss man also wissen, um zu verstehen, warum ich einmal durch die Stadt gereist bin, um bei „Gasino Nights“ dabei zu sein, die mir eine Show mit deutschen und türkischen Schlagern der 90er versprachen. Vielleicht hab ich auch das, was meine Tochter FOMO nennen würde (Fear of missing out), Angst was zu verpassen, vielleicht wollte ich auch einfach mal raus und was anderes sehen. Immerhin ist es Sommer, auch wenn´s sich nicht so anfühlt.

Sitze ich also da, möglichst weit weg von der Bühne und der Band und alleine am Tisch, denn wenn ich etwas nicht mag, dann ist es von Entertainern zum Mitmachen animiert zu werden. Hat aber nix genützt. Nach ein paar netten Stücken von türkischen Interpreten wurde ein Saal-Quiz ausgerufen. Gehört anscheinend zu einem Gazino dazu. Filmmusik aus den 90ern erraten, die von der Band gespielt wird. Beim ersten kam ich noch mit (Pretty Woman) bei den weiteren verlor ich das Interesse und beim dritten merke ich plötzlich den grellen Saalscheinwerfer auf mich gedreht. Die Musik ist aus, der Saal verstummt und gefühlt alle Augen sind auf mich gerichtet. Hab ich die Hand gehoben? Ich hab doch gar nicht zugehört. Geblendet schmerzt mich das erwartungsvolle Schweigen aus ungezählten Mündern. Ich bin schuld dass der Abend versaut wird und ich bin verloren, ganz klar. Aber wir sind nicht im engen Prag Franz Kafkas, wir sind im quirligsten Teil von Berlin – der Stadt in der alles möglich ist. Und so wundert es mich gar nicht, dass so plötzlich, wie das Licht erschien, jetzt dieses Wesen neben mir auftaucht und „Palp Fickschn…“ flüstert. „Pulp Fiction!“, rufe ich in den Saal und ein Jubel erhebt sich. Eine bezaubernde Assistentin in glitzerndem Frack schwebt auf mich zu und überreicht mir, mit natürlich bezauberndem Lächeln eine Flasche Sekt. Ich bin der Gewinner des Abends! Das Licht geht aus und die Show geht weiter. We can be Heroes just for a day. Aber wir sind hier immer noch in Berlin-Neukölln. Hier gibt es nichts geschenkt. Das hätte ich wissen müssen. Hier gilt das Gesetz der Straße. Geben und Nehmen. Und besser Nehmen als Geben „Also ehrlich jesacht“, kommt es jetzt von rechts, „ist dit ja mein Schampus“. Das Wesen, das mir der Himmel geschickt hatte, war nicht in der Dunkelheit verschwunden, die mich jetzt wieder schützend umgibt. Und ich bin mir jetzt auch nicht mehr sicher, ob es wirklich vom Himmel kam. Ich hab im Dunkeln noch nie gut sehen können, aber ich vermute, dass es eine Frau ist, nicht besonders groß, Pferdeschwanz, die mich jetzt von der Seite anmacht. „Ick meine, ick hab mich neben sie jesetzt, weil wa heute Ahmd keen Jeld hatten, um uns was zu trinken ze koofen.“, kommt es mit Reibeisenstimme aus dem Off. „Und da dachten wir, ich jeh ihn ma een bisschen unta die Arme.“ „Und so ne Flasche Sekt wäre schon nett. Meine Freundin und ich sitzn da drübn am Tisch, wenn´s ihnen nix ausmacht.“ Einen Augenblick stutze ich: Geht das nicht eigentlich umgekehrt? Zuerst setzt sich die Animierdame an den Tisch und dann bestellt der Gast den Sekt? Aber da hat mein resoluter guter Geist schon drei Gläser besorgt, mich an den Tisch gelotst und ihre Freundin vorgestellt. Höchste Zeit die Bremse zu ziehen. „Ich trinke gar keinen Sekt.“, sag ich sauertöpfisch. “ Echt nich? Was trinken se denn? „Bier ist mir lieber“. Na wissene se wat, dann koof ick ihnen een Bier. Zu dritt is so ne Flasche eh n bisschen klein.“ Sagt’s und kommt mit einem Glas Frischgezapftem wieder. Doch ein guter Geist. Und was soll ich sagen? Es wurde noch ein richtig netter Abend. Natürlich kriege ich von den beiden beschwippsten Freundinnen mal im Duett, mal im Wechselgesang wie es nur beste Freundinnen hinbekommen, bald das ganze Leben meiner Wohltäterin erzählt, die, wie alle in Berlin, irgendwas mit Kunst, Selbsterfahrung und langen Reisen gemacht hatte. Ich weiß zwar nicht mehr genau, warum wir dann später am Tisch der Frauengruppe aus Marzahn landeten, aber ich weiß noch ganz genau, dass die türkische Trans-Frau, die als Höhepunkt der Show auftrat, das schönste Lächeln hatte und den besten Bauchtanz hinlegte, den ich je gesehen habe.

Selten so gelacht

Draußen ist es dunkel. Dicke Gewitterwolken hängen über den schmucklosen, heruntergekommenen Betonbauten. Gleich nebenan ist ein Stück vom Todesstreifen der Berliner Mauer erhalten geblieben. Niemandsland, mitten in der Stadt. Was habe ich hier zu suchen? In einem leeren, weiß gekachelten Raum sollen sich hier um halb sieben abends ein paar Menschen gereiften Alters treffen, sagte die Redakteurin unseres Kiezmagazins – um zu lachen. Stumm verfluche ich meine Neugier, die mich den Auftrag annehmen ließ und trete ein. Wenn man als Lokalreporter in einem Stadtteil wie Berlin Wedding unterwegs ist, kriegt man einiges zu sehen. Obdachlosenküchen, dubiose Asia-Restaurants und lesbische Lettinen, die in leeren Hinterhöfen Wolle spinnen. Alles da. Aber gelacht, gelacht hat hier noch nie jemand. Und ich, wann hab ich zum letzten Mal gelacht? Hab ich deshalb den Job übernommen?


Sie fängt mit Händeklatschen an. Klatschen, in die Hände klatschen. Das kann doch jeder. Da können alle mitmachen. Auch ich. Ja, aber auch das kann man lustvoller gestalten, meint die blonde Frau mit dem Flip-Chart. Nicht klatschen wie am Konzertabend, sondern so, wie es die Kinder tun – mit der ganzen Handfläche. So kommt Freude auf. Macht wirklich einen Unterschied. Und lachen, lachen kann doch auch jede und jeder. Wenn man es sich traut, vor anderen Menschen, die man nicht kennt laut los zu lachen. Wir fangen deshalb mit einem einfachen „Ha“ an und steigern uns dann schnell über „Ha Ha“ zu einem hölzernen „Ha Ha Ha!“ Na also, geht doch! Aber zu früh gefreut. Lachen lernen ist eine ernste Angelegenheit. Auf dem Flip-Chart steht jetzt die Deklination des Gelernten in die fünf Lachvokale auf dem Programm: Ha Ha, He He, Hi Hi und so weiter. Und alle noch ein Mal: Ha Ha, He He….Ich fühle mich ein wenig wie in dem Loriot-Sketch „Das Jodeldiplom“. Gleich werden wir wohl das zweite Lach-Futur bei Sonnenaufgang beigebracht bekommen. Aber so schlimm kommts nicht. Jetzt laufen wir im Raum umher, schauen uns an und natürlich – lachen uns an. Und weiter mit Berührung: Finger ausstrecken, Finger berühren, sich anschauen und: lachen! Langsam klingt es nicht mehr so blechern, manchmal kommt auch mal ein Jauchzen dazwischen oder ein albernes Kichern. Und immer wichtig: Blickkontakt! Wie soll man sonst wissen, ob jemand mit einem lacht oder über einen? Ich begegne dankbaren Blicken, fröhlichen aber auch immer noch skeptischen und zögerlichen. Liegt das an mir? Wie hört sich denn mein Lachen an? Wie schaue ich denn? Bin ich hier der einzige Mann? Nee, da hinten ist noch einer. Doch bevor mich allzu viele Selbstzweifel plagen werden wir schon wieder durcheinander gewirbelt und mit neuen Gründen für`s Lachen versorgt. So geht das fast eine Stunde und am Ende haben alle mal mit allen gelacht und alle Körperteile sind einmal durchbewegt worden. Lachyoga nennt sich das alles, hat aber eher was von Ringelpiez mit Anfassen in der Seniorentagesstätte.
In dem weiß gekachelten Raum, der früher mal die Waschküche des Häuserblocks war, hält sich die Fröhlichkeit nicht lange. Kaum hat die Lachlehrerin die letzte Übung von ihrem Flip-Chart abgelesen, werden alle wieder ruhig und reserviert. Wir helfen uns gegenseitig in unsere Jacken und einige rauchen draußen noch eine Zigarette zusammen. Die Gesichter sind entspannt, doch schnell landen wir wieder bei schweren Themen von Politik und Alltag. Unter einer verrosteten Eisenbahnbrücke, an einem Friedhof entlang, in dem das goldene Turmkreuz einer gesprengten Kirche liegt mache ich auf den Heimweg. War das wirklich ich, der da gelacht hat, und was soll ich jetzt schreiben?

Rotzlöffel

Wieder so ein Feierabend. Sonne scheint, Luft riecht gut der Himmel hängt hoch. Endlich! Aber keiner da für ein bisschen dummes Gerede in einem Biergarten, oder einem Café. Keine Kraft, jemand anzurufen, warum immer ich? Nach Hause will ich nicht. Nach einem Wochenende mit meinen lauten Jungs ist die Wohnung immer so leer und leise. Schnecken haben sie nochmal gesammelt, nachdem uns der Regen im Park überrascht hat. Sie haben ihnen noch mal Nester aus Blättern und Stöckchen gebaut. Aber dann haben sie sich zerstritten und die Tiere draußen im Hof ihrem Schicksal überlassen.

Also schlinger ich ein bisschen durch die Stadt. Kenn ich. Alles was ich sehe, hab ich schon mal gesehn. Mal was Neues ausprobieren. SuperCoop? Da will ich nicht hin, muss aber. Muss man ja unterstützen, wenn sich 500 Leute zusammentun und einen Bio-Supermarkt gründen. Muss man? Die Idee käme aus New York, schreiben die jungen Rotzlöffel. Was wissen die denn? Hätten nicht nach Amerika fliegen müssen, die Klimaretter, hätten mich mal fragen sollen. „Wurzelwerk“ hieß der selbstverwaltete Bio-Laden im Friedrichshain, in dem ich schon in den 90ern im Vorstand war. Danach LPG und dann „Natürlich Bio“. Bis der letztes Jahr pleite ging. War nicht schade drum. Die überreifen Tomaten und welken Salate hab ich am Ende nur noch gekauft, weil ich die Besitzerin nach 10 Jahren nicht im Stich lassen wollte. Will ich mir jetzt wirklich wieder die Abende um die Ohren hauen wegen der Frage, ob man im Winter Paprika aus Ägypten ins Regal nehmen soll? Und dann sehen, dass deine Leute sie dann doch einfach bei Edeka kaufen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Die Coop-Regale in der alten Fabrikhalle haben den Charme eines Lebensmittellagers vom Roten Kreuz. Nur keine Begierden wecken. Freundlich erklärt mir die junge Frau mit den kunstvoll vernachlässigten Haaren die Konditionen für den Kennenlernabend und den obligatorischen Arbeitseinsatz. Nur nicht sagen, dass sie mir gefällt. Nur keine Begierden wecken. Keine Lust hier zu stöbern, keine Lust, was auszuprobieren. Lieber wieder wie gestern unbekannte Früchte und verlockend glänzende Berge gerösteter Nüsse beim Baharat-Markt kosten als krümmliges Knabbergebäck zum selbst Abfüllen. Raus hier. Gehe heute lieber zu Ramona ins Café Kibo. Ramona war mal blond, heute hat sie eine schwarze, stachlige Punk-Frisur. „Du wirst immer schöner“, fange ich an. „Hab ich gemacht, weil ich Frust hatte.“, winkt sie ab. Ihre Tochter, die mit meinen Jungs in der Kita war, hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Den Vater auch nicht. „Wie willst du deinen Kaffee?“ Ein Satz, und ich fühle mich willkommen. Die Bistro-Tische sind klapprig, die Farbe ist abgeplatzt, nebenan hat einer in der Shisha-Bar das große Wort. „Sagt der: Du hast Bankkaufmann gelernt, für einen Dönerladen bist du total überqualifiziert..“ Dann gehts weiter mit Autos und Tricks bei den Versicherungen. Der Sound des Wedding. Nach einer Ewigkeit kommt der Kaffee. Der schlacksige Kerl, der ihn zu meinem Tisch balanciert ist neu hier und hat einen drolligen französischen Akzent. „Tut mir leid, hab dich total vergessen. Ramona sagt, der Kaffee geht aufs Haus.“

Herbei, herbei zum 1. Mai!

Ja, ja, überall regt es sich in Berlin. Aus allen Ecken bricht etwas Lebendiges hervor. Wohin man auch schaut. Ich brauche deshalb heute nicht zu einer 1. Mai-Demo gehen, um mir Menschen mit bunten Transparenten anzuschauen. Die Revolution findet auf meinem Balkon statt. Vor zwei Wochen habe ich in einem Buch ein Tütchen mit Sonnenblumensamen gefunden. Ich verstecke gerne Erinnerungsstücke als Lesezeichen in Büchern. Muss schon sechs Jahre alt sein. Ein Werbegeschenk des „Sunflower Backpacker Hostels“ am Bahnhof von Pisa. War mit dem Motorrad da. Lange her. Eigentlich zu alt für Samen. Da ist bestimmt alles tot. Aber versucht habe ich es trotzdem. Schön verteilt auf drei kleine Tontöpfe, in denen ich in den vergangenen Jahren immer mal Blumensamen mit meinen Jungs vorgezogen habe, damit sie erleben, wie neues Leben entsteht. Und was soll ich sagen? Vor meinem Fenster stehen jetzt zwei grüne Sprösslinge, schief wie der schiefe Turm von Pisa. Recordi di Italia, oder so ähnlich. Ich habe einen alten Bleistift als Stütze reingesteckt, damit sie auch „zum Lichte empor“ wachsen. So viel Revolutionsromantik muss am ersten Mai sein. Im dritten Topf tat sich lange nichts. Dann habe ich noch Ringelblumensamen vom letzten Jahr dazu gemischt. Das hat dem müden Sonnenblumenkern anscheinend einen Kick gegeben. Jetzt wächst beides in einem Topf. Das wird wahrscheinlich wieder Streit unter den Brüdern geben, denn jeder Topf ist mit bunten Glitzersteinen markiert. Und die, die nur eine Sonnenblume im Topf haben werden sich natürlich beschweren, dass ihr Bruder mehr in seinem Topf hat. Wenn es sie überhaupt noch interessiert.
Ich bin noch weit entfernt von einer grünen Revolution im Privaten, aber es bewegt sich was, das mich gleichzeitig beruhigt. Und ich hoffe, bei euch ist das auch so. Ich werd heute Abend mal meine Tochter anrufen, wie es in Neukölln war. Aber wahrscheinlich war sie nicht auf der Demo, sondern im siebten Himmel. Frühling halt.

Weihnachtswärme

Es war dunkel geworden. So dunkel wie es in einer Vollmondnacht in einer Vorortstraße eben werden kann. So dunkel, wie es das Lichterkettengeflatter und die beleuchteten Rentiere in den Vorgärten noch zuließen. Es war der erste Weihnachtstag und wir standen im bläulichen Halblicht an einer Straßenkreuzung. Wir wollten an die frische Luft und wir wollten weiter, denn wir hatten noch eine Pflicht zu erfüllen. Wir waren erst fünf Minuten von zu Hause weg, und standen erst am Anfang des Waldes, aber die Kinder wollten wieder zurück in den Keller, zu ihrer Spielkonsole. Also waren wir mutig und ließen sie ziehen. Natürlich nicht ohne sie fünf Minuten später anzurufen, ob sie angekommen wären. Uns führte der Weg tiefer und tiefer in den Wald. Bald schon hörte die Feldsteinstraße auf und wurde zu einer schlammigen Kraterlandschaft. In den wassersatten ausgefahrenen Schlaglöchern spiegelte sich der Mond. Hier war kein Durchkommen mehr für Menschen ohne Auto, und doch schlichen wir uns an den Rädern, durch Büsche und kleine Umwege weiter, immer bedacht, nicht bis zu den Knöcheln im feuchten Dreck zu versinken und nicht das Geschenk aus der Hand fallen zu lassen, bis wir die weißen Häuser sahen, die einsame Straßenlaterne und das offene Feld. Hunde bellten. Wir hatten es geschafft. Ich hätte das Geschenk jetzt einfach in den Briefkasten am wackligen Zaun vor dem etwas halbfertigen Fertighaus geworfen. Ich kannten die Leute hier kaum und wir waren nicht angemeldet. Aber die Mutter meiner Söhne klingelte. Wir sahen durch das große, gemütliche erleuchtete Verandafenster Menschen an einem Tisch in goldenem Licht. Aber sie bewegten sich nicht. „Ich bin sicher, die haben schon Besuch.“, flüsterte ich peinlich berührt meiner Gefährtin zu, aber die hatte schon das schief hängende Gartentor aufgeschoben und stapfte durch den Garten, in dem, das wusste ich vom Sommer, Füchse auf die Hühner des Hausherrn lauern. Über eine Metalltreppe kamen wir zum Hauseingang und klingelten noch mal. Es rumpelte drinnen und in der Tür stand ein breitschultriger Mann mit dichten Augenbrauen. Und er war kein bisschen überrascht, freute sich wirklich, uns zu sehen und bat uns herein in einen engen, mit Kinder- und Wanderschuhen vollgestellten Flur und dann in ein Wohnzimmer, das warm war und aussah wie die Dekoration zur Carmen-Nebel-Weihnachts-Show, die zur gleichen Zeit im Fernsehn lief, nur in echt. Ein stattlicher, glänzender Weihnachtsbaum an dem echte Kerzen brannten, Pfeffernüsse; Tannenzweige und Stolle überall auf dem festlich geschmückten Tisch, zwei Jungs in Weihnachtspullovern und mit großen Augen, die auf den unerwarteten Besuch gerichtet waren. Im Hause meiner Söhne hatte die Kraft dieses Jahr nur zur nüchternen, schiefen Mini-Tanne und einer Schachtel Schoko-Lebkuchen gereicht, die von der Mutter im Küchenschrank versteckt wurde, damit sie über die Feiertage reicht. Auch die Freude über unseren Besuch war echt. Anscheinend war es ihnen genau so gegangen wie uns Am Nachmittag des ersten Weihnachtstages war die Luft raus und die Kinder drehten etwas durch. Wir waren rechtzeitig zum Kaffee gekommen, der hier dünn war, wie ihn Schichtarbeiter trinken. Aber ich fühlte mich wie zu Hause, wie bei Muttern. Endlich Weihnachten wie ich es kannte. Wir ließen uns von der Gastgeberin immer wieder zu einer neuen Tasse nötigen während, der Hausherr das Geschenk auspackte, das ich ihm überreicht hatte, weil er mir vor zwei Monaten mein gebrochenen Schlüsselbein wieder zusammen geschraubt hatte. „Wie geht‘s dir damit?“, fragte er ärztlich routiniert. „Geht so, ist noch nicht zusammengewachsen.“ „Du musst Geduld haben.“, antwortete er und war gleich danach wieder bei seinem Lieblingsthema: Der Jagd. Eine halbe Stunde erzählte er uns vom Ansitzen, von den schrulligen Jägerkumpels und der Kälte. Ich kannte mal ein paar Jäger und konnte die richtigen Fragen stellen um seine Begeisterung richtig zu würdigen. Und ich hatte den Eindruck, dass die halbe Stunde, die wir ihm zuhörten, das schönste Geschenk für ihn war. Als wir gehen mussten, führte er uns noch nach draußen, und zeigte uns sein neues Nachtsichtgerät. „Schau mal da hinten, am Waldrand stehen vier Rehe.“ Trotz Vollmond hatte ich bisher auf dem weiten Feld nichts als Acker gesehen. Jetzt sah ich durch das Gerät vier helle Punkte – schutzlos durch die neue Technik und die Nacht brutal entzaubert. Ich dache an die Soldaten in der Ukraine und die Menschen in Israel und Palästina, denen noch nicht mal die Nacht mehr Schutz bietet. Ich hatte es plötzlich eilig nach Hause zu den Jungs zu kommen. Die waren froh, uns zu sehen, weil sie sich langweilten seit sich die Spielkonsole vor einer halben Stunde automatisch abgeschaltet hatte.
Aber Weihnachten war noch nicht vorbei. Kaum hatten wir die Schuhe aus, stand ein weiterer Freund vor der Tür und hatte eine Schale mit frischen schmalzgebackenen Krapfen für uns, die noch warm waren. Dabei hätten wir ihn beschenken sollen, denn er hat uns dieses Jahr geholfen, als wir Ärger mit der Versicherung hatten. Aber echte Freundschaft fragt ja nicht nach Gegenleistungen. Wir aßen sie vorm Fernseher, der einen Riss hat, weil ein Sohn vor ein paar Monaten Wut den Controller seines Computerspiels in den Bildschirm gehauen hat, während wir die Carmen Nebel Show schauten. Falsche Gefühle und Kitsch, aber mir war danach. Warm im Bauch, warm ums Herz, etwas Freude gegeben, etwas Freude bekommen. So hat sich Weihnachten sich für mich lange nicht mehr angefühlt.

Vom Finden und Verschwinden

Es wird mir langsam in meinen eigenen vier Wänden unheimlich. Ich dachte, ich hätte die Sache in den Griff gekriegt, aber die Verluste werden wieder größer. Es fing an mit dem Salzstreuer, der verlässlich jeden Morgen auf meinem Küchentisch stand. Jetzt nicht mehr. Keine Idee, wo er sein könnte. Auf der Spüle habe ich gesucht und im Kühlschrank. Vielleicht auch noch im Bad? Aber was soll ein Salzstreuer im Bad? Im Bad ist er nicht. Aber im Bad fehlt seit ein paar Wochen der Rasierapparat. Vielleicht ist er in der Küche? „Ein Haus verliert nichts.“, war eine der wenigen Weisheiten meiner Mutter, die mich beruhigten, wenn ich als Kind wieder was nicht finden konnte. Ja, alles was ich suche ist bestimmt noch da. Aber wo? Neulich suchte ich die Werkzeugtasche, die mir meine Schwester vor Jahren geschenkt hatte. Ich brauche sie selten und bewahrte sie immer in meiner Altpapierkiste auf, weil ich dann wusste, wo sie war. Aber da war sie nicht mehr, als ich an meinem Moped schrauben wollte. Schwach erinnerte ich mich, dass ich sie an einen neuen Ort geräumt hatte. Ordnung muss sein. Werkzeug in der Altpapierkiste. Wer macht denn sowas? Es war ein Ort, der mir einleuchtend erschien. Hinter dem alten Ölfass, das ich seit Studentenzeiten mit mir rumschleppe? Nein, da stand das Fotostativ. Auch gut zu wissen. Oder über der Speisekammer? Im Keller sogar, da wo das Werkzeug hingehört? Wenn ich die Tasche da hingeräumt habe, werde ich sie nie mehr finden, denn ich habe auch in drei kalten Corona-Wintern nicht geschafft, den Keller aufzuräumen. Oder habe ich sie doch mal mit nach draußen genommen, um auf dem Trottoir an meinem Fahrrad zu basteln und sie dann liegen lassen? Oder hab ich sie irgendwann doch in die Altpapiertonne im Hof gekippt? Langsam traue ich mir alles zu, und das ist schlimm.

Heute Morgen war auch noch meine Mütze da. Keine Schönheit, eine von Karstadt, aber ich hab sie neulich aus dem Schrank gekramt, als ich die teure Ballonmütze von Stetson nicht mehr finden konnte. Jetzt also auch sie. Jedes Jahr verliere ich eine Mütze, von Handschuhen nicht zu reden. Ist das zu glauben? Ich versuche mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Vielleicht schaue ich noch mal in den Fahrradpacktaschen. Ein zuverlässig gutes Versteck, für alles was das Licht scheut. Es wird sich schon alles wieder finden. Meine Taktik ist, erst gar nicht groß mit dem Suchen zu beginnen, sondern hinzunehmen, dass das Ding nicht da ist. Irgendwann taucht es wieder auf, ganz unvermutet und an einem Ort, an den ich nie gedacht hätte. Das ist schön. Ich bin ein Sachenfinder, kein Sachensucher. Mit einem zufriedenen Brummen stelle ich dann das verloren geglaubte Haushaltsmitglied an den Platz, an dem ich es zu finden erwarte. Alles noch mal gut gegangen. Aber die Suchliste wird immer länger. Vielleicht sollte ich den Vermisstendienst des Roten Kreuzes mal in meine Wohnung lassen oder berüchtigte schwarze Löcher wie das Kinderzimmer mal gründlicher unter die Lupe nehmen. Ach, was soll’s, spätestens wenn ich hier ausziehe, ist alles wieder da. Oder auch nicht. Aber bis dahin weiß ich wahrscheinlich nicht mehr, dass ich das Ding je gesucht habe. Das Alter hat auch sein Gutes.

Jungbrunnen

Nach langer Zeit war es der erste gute Tag für die Leute in meinem Quartier. Die Sonne hatte die Schleier der Morgennebel verjagt und schien jetzt mit verloren geglaubter Kraft vom strahlend blauen Himmel. Der Sprühregen der vergangenen Tage, der nichts anders war als flüssige schlechte Laune, die von den Menschen inhaliert wurde, hatte aufgehört uns niederzudrücken und die Wiederholung der Berliner Wahl hatte zu Überraschung aller funktioniert. In vielen Briefkästen lagen sogar die Schreiben des Stromversorgers, dass der monatliche Abschlag bis zum Ende des Jahres dank staatlicher Unterstützung um ein paar Euro gesenkt werden würde. Ein Tag, Hoffnung zu schöpfen und frischen Lebensmut zu fassen. Ja Mut! Denn Mut brauchte es, um auf die Straße zu gehen, weil seit die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hatte, ein verrückter Alter mit einem knatternden Moped um die Häuser fuhr, mitten auf der Straße anhielt um mit einer Hand an seinem Motor zu fummeln und mit der anderen den Gasgriff auf Anschlag zu drehen; ein entrücktes Grinsen im Gesicht. War das noch Regression, die der alte Mann mit grauen Bartstoppeln auf einem alten DDR-Moped, das er wahrscheinlich noch aus seiner Jugendzeit gerettet hatte, durchmachte, oder war das schon Demenz?
Die Stammgäste des einfachen Cafés, in dem der schrullige Alte manchmal Morgens auftauchte, und sich einen Kaffee in die mitgebrachte Tasse füllen ließ, um sich dann mal in die lokale Skandalzeitung zu vertiefen, mal sich an den Raucherstehtisch vor der Tür zu stellen und versonnen den Menschen auf dem Gehweg nachzuschauen, überlegten, ob sie die Polizei holen, oder die Verwandten anrufen sollten. Aber außer einer kleinen Horde Jungs im Grundschulalter, mit denen er an Wochenenden manchmal im Café auftauchte, um für die Kinder Kekse zu kaufen, hatte man noch keine Angehörigen gesehen. Die kleine Frau hinter dem Tresen glaubte zu wissen, dass er noch Arbeit hatte. Denn manchmal klingelte bei den morgendlichen Besuchen das Telefon und er verzog das Gesicht, aber meldete sich dann mit ruhiger, freundlicher Stimme. Danach verließ er schnell das Café, den Kaffeebecher in der Hand. Andere wussten, dass er immer das Bücherregal mit den gebrauchten Romanen sorgfältig studierte und einige abgelesene Schwarten, die keiner haben wollte mit nach Hause nahm. Sonst hatte keiner in je reden gehört. Auf das muntere „Das Übliche?“ der Inhaberin antwortete er meist einsilbig „Das Übliche“. Versuche, ihn morgens in ein Gespräch zu verwickeln mißlangen. Selbst zu der Preiserhöhung und ihrer langen Entschuldigung dafür, hatte er nur mit einem Achselzucken geantwortet. Und jetzt das!
Hätten die Gäste an diesem Morgen auch nur einmal ihre durchgesessenen Hintern von den Polsterstühlen gehoben und hätten sie um die Ecke geschaut, hätten sie ihn besser kennen gelernt. Bewaffnet mit einem Leatherman-Taschenmesser, einem Schraubenzieher und ein paar alten Handtüchern trat er aus der Tür und ging stracks auf sein Moped zu. Er hatte anscheinend vor, das laute, stinkende Teil, dessen entnervend schrilles Geräusch zur Mittagsschlafszeit schon die Eltern der Kleinkinder im Erdgeschoss zum demonstrativen Herablassen der Rollos gezwungen hatte, endlich ordentlich ans Laufen zu bringen. Ein interessierter Beobachter hätte sehen können, wie er von dem filigranen Vergaser kleine Schräubchen löste, herausspringende Federn versuchte wieder an ihren Platz zu bringen und wie er unter das Moped kroch, wo sich ein feuchter Fleck aus Benzin gebildet hatte, um heruntergefallene Dichtringe zu suchen. Das ganze dauerte eine halbe Stunde und es mutete eher an wie der berühmte „Blick des Schweins in ein Uhrwerk“ als nach einer gezielten Reparatur. Zwischenzeitlich musste er ein paar Mal zurück durch die Wohnungstür, weil er immer mehr Werkzeug brauchte. Irgendwann begann er, auf sein altes Gefährt einzutreten, bis der Motor röchelte. Dann drehte er ein paar mal am Gashahn und das Maschinchen sprang ganz unerwartet an. Sie hätten sehen können, wie das Gesicht des Alten plötzlich mit der fahlen Wintersonne um die Wette strahlte. Wie sich seine Züge schlagartig verjüngten.
Seither machte er die Straßen des Blocks unsicher. Meistens eierte er langsam herum. Oft starb der Motor ab. Dann blieb er stehen, blickte nach unten, drehte ein Schräubchen mit seinem Taschenmesser, dann wieder am Gasgriff, unbeeindruckt von den hinter ihm hupenden Autos. Mal raste er wie besessen am Café vorbei, als könne sich sein altes Gefährt durch reine Geschwindigkeit selbst kurieren. Aber meistens sah man ihn auf den Kickstarter treten. Irgendwann dann, die Sonne verschwand schon hinter den Häusergiebeln, war endlich Ruhe. Keiner hat ihn mehr gesehen. Man munkelte, er fahre jetzt Richtung Westen, dem Sonnenuntergang entgegen…

Bastelarbeiten

So langsam bastele ich mir mein Jahr zusammen. Klötzchen für Klötzchen stapele ich aufeinander und schaue zu, wie der schöne Bau jedesmal wieder in sich zusammenfällt. Dann baue ich ihn wieder auf und kann sicher sein, dass wieder was Neues kommt, was die Sache zum Wackeln bringt. Ganz sicher war ich mir, dass ich mit meinen Jungs diesen Sommer ins Yoga-Ferienlager in die Uckermark fahre, wie wir das die vergangenen drei Jahre gemacht haben. Jetzt haben wir die Winterferien zusammen verbracht, und wir waren alle nach einer Woche froh, dass es vorbei war. Nie wieder mit drei Grundschülern bei Dauerregen eine Woche in einem geschlossen Raum (auch wenn der Raum ein großzügiges Ferienhaus war). Ich vergesse manchmal, dass meine Nerven in den letzten Jahren ziemlich dünn geworden sind. Zum Glück habe ich nicht nur Söhne, sondern auch Ärzte, die mich daran erinnern, dass ich nicht mehr der Jüngste bin. Nach dem Besuch bei der Orthopädin war auch der Plan, im Herbst eine lange Wanderung zu mir selbst zu machen gestrichen. Und statt meine bekannten Malaisen zu heilen, fand sie gleich eine neue. Vielleicht sollte ich mich an betreutes Reisen gewöhnen. Zumindest einen, der meinen Rucksack mit dem Auto voran fährt, sollte ich mir leisten.

Kann man in meinem Alter überhaupt noch Pläne machen? Nein, aber ich will dieses Jahr etwas anders machen als all die Jahre davor. Mich nicht von den Ereignissen treiben lassen. Ich höre die Uhr ticken: Noch 10 gute Jahre. Irgendwas muss ich anders machen. Ein neuer Versuch, wieder ein Klötzchen. Gespräch mit der Personalabteilung. Raus aus der Tretmühle. „Das können Sie sich selber ausrechnen.“, sagt die Kollegin. „Ab 63 und mit 15 Prozent Abzug“. Da brauche ich nicht lange zu rechnen. Meine Miete ist an die Inflation gekoppelt. 10 Prozent mehr sind es ab diesem Monat. Und die Jungs wollen alle ein Handy. Neidvoll verabschiede ich am gleichen Tag eine Kollegin in den Vorruhestand. „Freistellungsphase der Altersteilzeit“ nennt sich das. Sie ist der letzte Jahrgang, der diesen „goldenen Handschlag“ bei uns bekommen kann.
Aber vielleicht kommt es ja ganz anders. Vielleicht werde ich ja unverhofft reich. Als Kind glaubte ich immer daran, einen reichen Onkel in Amerika zu haben, der mir mal sein Geld schenken würde. Und ein bisschen so war es, als ich mitten in der Tristesse des Brandenburger Ferienhauses eine großartige Nachricht bekam. Eine Zeitung hatte Interesse an einem Beitrag, den ich für unser Kiez-Magazin geschrieben hatte. Die Honorartabellen waren berauschend. 15 Cent pro Zeichen. Es brauchte eine Weile, bis ich mit meinen Jungs stolz ausgerechnet hatte, dass das fast 50 Euro sein könnten. 50 Euro für nix. Gleich lud ich sie großzügig in das Restaurant der Ferienanlage ein. Endlich Schluss mit den selbstgekochten Nudeln mit Pesto. Ein doppeltes Schnitzel für den Vater, Hähnchenbrust mit Pommes für die Kinder. 80 Euro stand am Ende auf der Rechnung. Ich hatte die Inflation vergessen und kam mir ein wenig vor wie Donald Duck, der Held der „Lustigen Taschenbücher“, die meine Kinder pfundweise verschlingen. Der verprasst das Geld auch immer, bevor er es verdient hat. Und am Ende muss er bei Onkel Dagobert wieder Schulden abarbeiten. Seit einer Woche bin ich wieder brav im Büro. Aber ich mache weiter Pläne.

Der Tag als der Regen kam

Es war am Freitag. Das Fenster neben meinem Bett stand sperrangelweit auf, das im Kinderzimmer auch. Durchzug! Und trotzdem ging das Thermometer nicht unter 24 Grad. Seit Wochen, seit vielen Wochen schon. Plötzlich wurde der Wind kälter und ich würde gerne schreiben, das ich das Prasseln des Regens gehört hätte, hellwach wie ich nachts um 2 Uhr war, aber das ist vorbei. Früher hat mich das Trommeln der Tropfen auf der Fensterbank beruhigt, jetzt halten meine Ohren das Geräusch nicht mehr für wichtig. Oder es kommt zu selten vor, dass Gewitter an mein Trommelfell donnern. Anders als bei den Worten, von denen meine mürben Nervenzellen wenigstens noch einige Laute wahrnehmen, die es mir erlauben, aus dem bisschen, das ich höre einen Sinn zusammenzureimen, herrscht in meinem Kopf bei Regen gespenstische Ruhe. Zu lange Dürre lässt auch das Hirn trocken fallen. Ich höre den Regen nicht mehr.
Aber ich rieche ihn. Sofort. Nach hinten raus, zum Garten riecht er nach nassem Sand, nach Dampf und Schwüle. Nach vorne raus, zur Straße riecht er nach heißem Stein, aufgeweichter Hundekacke und verdünntem Ammoniak. Als ich die Fensterflügel zur Straße schließe sehe ich die Fluten des Gewitters durch die Gullis in die Kloake rauschen, in der sich die Scheiße der Stadt von den Hitzewellen eingedampft, in trägen Brei verwandelt haben muss. Ich stelle mir vor, wie das heftige Gewitter die Kanalisation bis unter die Decke füllt und einmal richtig durchspült. Was der Regen sonst noch alles anrichtet, das stelle ich mir nicht vor. Für mich bringt er nichts als Klarheit und Frische.

Am anderen Ende der Stadt zerstört das Unwetter den Traum einer alten Frau. Seit 50 Jahren steht sie auf der Bühne, und dafür wollte sie sich ein letztes Mal feiern lassen. Hatte alte Freunde eingeladen, Wegbegleiterinnen, ein Programm entworfen in dem es an Brecht-Zitaten nicht mangelt. Sie war keine Berühmtheit, aber sie war an den berühmten Ost-Berliner Schauspielschulen und Bühnen. Dann Kindertheater und Veranstaltungen im Kulturhaus Karlshorst. Drei eigene Kinder, eine Tochter am Theater. Ein erfülltes Leben, das sich einen letzten Höhepunkt wünscht.

Jetzt steht sie im Garten. Mit einem Korb voller pastellfarbenen Papierrollen auf denen sie Ihr Leben kurz beschreibt. Als Leben voller Arbeit und Freude an den Menschen. „Es warteten Aufgaben in Berlin auf mich.“, beschreibt sie brechtisch knapp und uneitel das Ende ihrer Provinzengagements und die Rückkehr in die Hauptstadt. Aber das Programm, das an die Stationen ihres Lebens erinnern soll, wird es nicht geben. Freitagnacht war der Regen durch das Dach des neuen Kulturhauses gesickert. Das Wasser hatte die Decke des Theatersaals einstürzen lassen. Aber so wie sie da steht, klein, stämmig, jede Bewegung unter Kontrolle, macht sie deutlich, dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Der Regen ist vorbei, das Leben geht weiter. Und aus dem großen Auftritt wird ein Fest im Garten. Alle im Garten sind eingeladen. Auch ich.
Eigentlich wollte ich nur die leere Stadt am Sonntag nutzen und hatte mich auf eine Motorradtour aufgemacht, der Mutter meiner großen Tochter mal wieder eine Visite abzustatten. Seit sie am anderen Ende der Stadt wohnt, sehen wir uns selten. Doch aus einem geistreichen Schwatz beim Kaffee wird nichts. Kaum habe ich meinen Helm abgelegt, werde ich zum Kistenschleppen in den Hof abgefordert. Die ganze Nachbarschaft der alten preußischen Backsteinschule, in deren ehemaligem Schulhof jetzt das improvisierte Fest steigen soll, ist auf den Beinen. Nur die ukrainischen Familien, die im Gästehaus des genossenschaftlichen Wohnprojektes untergebracht sind, haben die Vorhänge zugezogen. Es ist ein kleiner Kreis, der unter alten Lindenbäumen die Gläser auf das Wohl der Mitbewohnerin hebt. Zwanzig, dreißig Leute. Alle noch irgendwo in der Kultur aktiv. Sie stellt alle beim Namen vor, mit ihrer Arbeit, aus dem Kopf und so unprätentiös, wie es auf einem Künstlertreffen im Westen nie möglich wäre. Es geht nicht um die eigene Eitelkeit, sondern darum, dass einer etwas macht, etwas gestaltet, sich traut. Da ist sie wieder Kunst als Aufgabe. Und die Kunst als Ort, an dem man sich nicht verbiegen lässt. Schon vor der Wende hatte ich mich mit Künstlern aus der DDR getroffen und hatte sie um ihren Zusammenalt beneidet. Was daraus wurde, als der Druck von aussen nachließ, kann man sich in dem ersten Flim von Andreas Dresen „Stilles Land“ anschauen. Jetzt macht diese Generation ihren Abgang. Auch eine Zeitenwende. Aber aufrecht stehend mit Toleranz und Humor. „Das ist Rolf.“, sagt die Schauspielerin, als die Vorstellungsreihe an mich kommt. Ich wundere mich, dass sie meinen Namen kennt. „Er ist mit Sabine…“ – Kunstpause, Lachen im Gesicht- „irgendwie verwandt.“

Summer in the city

Foto: Lena M. Olbrisch

Es ist wieder so weit. Nach all den Hitzewellen und dem Schwimmbadgekreische, nach all den Kältewellen und Badeseen, nach der Woche in der Uckermark und Nachmittagen im Garten ist endlich der Sommer bei mir angekommen. Ich merke es nicht gleich. Mit einer Freundin sitze ich nach der Arbeit vor einem Weinlokal. Wir essen Blutwurstcanapés und trinken Weißwein. Die Freundin ist auf der Durchreise. Und erst als ich sie und mein Rad Richtung Bahnhof Friedrichstraße schiebe, sehe ich den weiten Himmel über der Stadt. Es ist halb neun und das Panorama über dem Friedrichstadtpalast bekommt langsam einen dunklen Rahmen. Die Straßen sind halbleer und die Autos und die grünen Elektroroller, auf denen immer zwei Jungs oder ein Pärchen stehen, gleiten und schlingern mit mir über die Chausseestraße, bis sie enger wird, gesäumt von vollen Cafés und asiatischen Restaurants. Draußen in der verklingenden Wärme eines Hochsommertages sitzen Frauen in weiten Sommerkleidern. Viel Farbe, viel Raum und viel Leben in der grauen Straßenschlucht, in der sich sonst Autos und Lastwagen um den Platz balgen.
Ich schaffe es noch unter dem S-Bahnhof Wedding durch, bis mir klar wird, dass ich noch eine Weile dabei sein will, noch ein bisschen von der Leichtigkeit genießen und ein Teil der bunten Szene werden will. Es wird das Imren in der Müllerstraße. Halb Imbiss, halb Restaurant. Hier esse ich oft eine Iskembe-Suppe und schaue unter der beleuchteten Markise auf die Straße. Neben mir packt ein Vater sein Kleinkind ein, das in einem Hochstuhl auf einen Zeichentrickfilm auf einem Handy gestarrt hatte, solange er aß. Jetzt trägt er es unter dem Arm wie ein Paket – hoffentlich nach Hause. Seinen Platz nehmen eine Truppe lachender, sehniger Männer ein. Alle jung, alle braungebrannt und in abgeschabter, schwarzer Bauarbeiterkluft mit kurzen Hosen. Alle berühren sich, streicheln sich über die Arme, wuscheln sich in den Haaren. Auf dem Tisch stehen übervolle Teller mit öligem Lammfleisch-Eintopf, der nur dem verlockend erscheinen kann, der einen Tag hart gearbeitet hat. Aber das Essen muss warten, bis jeder dem anderen noch ein paar freundliche Worte zugerufen hat. Das Ende eines guten Tages. Auch für mich.

Als ich vom Imren aufbreche ist es endgültig dunkel geworden. „Butter,“ denke ich. Ich muss noch Butter kaufen. Aber in den neongrellen Supermarkt will ich heute nicht mehr. Zu schön ist die lindwarme Dunkelheit. Der Tag soll sanft zu Ende gehen. Mir wird morgen früh schon was einfallen.