Das Paradies, ein Garten

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Als sie den Motor ausgeschaltet hatte, bleiben wir schweigend sitzen. Die Sonne wärmt unsere Gesichter und spiegelt sich draußen im Fluß. Die Augen schließen und geschehen lassen, ein paar Minuten nur. Das Kind schläft in seiner Schale, schon die ganze Fahrt. Als es aufwacht, finden unsere sonnenblinden Augen nur langsam in die Wirklichkeit zurück. Es kommt uns wie Stunden vor. Der Hunger treibt uns ins erstbeste Café. Auf der Terasse kehren wir noch einmal in die gleißend weiße Welt hinter den geschlossenen Lidern zurück. Dann machen wir uns auf, den Domberg zu besteigen. Ein paar Beete am Weg, gelbe Bauernblumen und verblühende Rosen, erinnern uns daran, dass wir zwei Stunden gefahren sind, um eine Gartenschau zu sehen. Doch die Blumen drängen sich nicht auf, denn alles ist Sonnenlicht. Herbstlicht, das durch die grünen Blätter alter Bäume fällt und rote Backsteinmauern glühen läßt. In einem Obstgarten finden wir Gruppen alter Menschen in festlicher Stimmung. Eine Rede, gedämpfter Applaus und zustimmendes Lachen, als sie sich freundlich von ihrer Reiseleiterin verabschieden. Fast wie eine Familienfeier. Für einen Moment ist alles in Ordnung. Wir setzen uns auf eine Bank mit Blick auf die Altstadt. „Heidelberg, denke ich, „Philosophenpfad“. Wie oft bin ich als Student dorthin gepilgert, hab auf die Altstadt geblickt, auf die feuerroten Weinblätter an blassrosa Sandsteinen und hab gehofft, dass mein Leben endlich anfängt. Dass es endlich so wird, wie das der anderen.

Das Kind wird wach und an die Brust gelegt. Ein Mann läuft vorbei, die Arme in der Luft, Laute ausstoßend. Ein zweiter folgt. Die gleiche Kleidung, die gleiche Halbglatze. „Zwillinge“, sage ich, „taubstumm“. „Ja“, sagt sie, „manchmal danke ich, ich weiß nicht wem da oben, dass unsere zwei nichts haben.“ Wir schweigen wieder. Jetzt merke ich, wie schnell das Licht schwächer wird, wie jeder Sonnenstrahl schon ein Abschied ist. Ich habe Angst vor dem Winter. Wieder ein Winter mit hustenden Kindern, mit Fahrten zur Notaufnahme. Wir werden den Kindern wieder Antibiotika geben und uns gegenseitig die Schuld daran, dass es so weit kommen musste.

Mein Sohn ist mit dem Trinken fertig. Ich nehme ihn hoch. Er spuckt mir einen Schwall Milch übers Hemd. „Du hast ihn zu schnell hochgenommen“, sagt die Mutter. Wir streiten uns und gehen schweigend zurück. Auf der Rückfahrt schreit das Kind lange, bevor es auch in ein vorwurfsvolles Schweigen verfällt. Als wir zu Hause ankommen, ist es schon dunkel.

Ein Fest für’s Leben

Wir sind eingeladen. Einzugsparty von Gaby und Pierre, die wir aus dem Kindergarten kennen. Und weil ich beim Umzug mitgeholfen hatte und das wirklich eine lustige Angelegenheit war, freue ich mich, die Männer wieder zu sehen, mit denen ich treppauf, treppab die Kisten gewuchtet habe und bin gespannt, wie es jetzt bei Gaby aussieht.

Die neue Wohnung ist wirklich sehr schön geworden. Viel besser als ihre alte abgewohnte Zwei-Zimmer-Altbaubutze im Wedding. Ein großes Wohnzimmer, eine offene Küche, zwei Bäder und genug Zimmer für die Kinder. Hell ist sie und wenn man durch die großen Fenster schaut, sieht man – noch mehr Wohnungen! Egal aus welchem Fenster ich schaue, der Blick geht nur bis zum nächsten Häuserblock. Hochhäuser, mindestens zehn Stockwerke. Neu und hell gestrichen, aber trotzdem wuchtig und erdrückend.  Gaby ist ins „Märkische“ gezogen, die berüchtigte 60er-Jahre Bausünde am nördlichen Stadtrand von Berlin. Achselzuckend, weil bei ihrem Einkommen im Wedding keine größeren Wohnungen mehr zu finden waren. Und auf Dauer mit Mann und zwei Kindern in zwei Zimmern, das ging halt nicht. Na ja, denke ich, kommt ja immer drauf an, was man draus macht. Und Gabi mit ihrer Fröhlichkeit, ihren vielen Freunden und ihrer direkten Art wird hier schon wieder Kontakt finden. Aber dann ist da der riesige Flachbildschirm. In der alten Wohnung war er mir gar nicht aufgefallen, weil er nie an war. Aber jetzt dominierte er den ganzen Raum. Und davor sitzen die Männer aus Westafrika, der Heimat Pierres, und schauen dumpf ein Bundesligaspiel nach dem anderen. Beim Umzug hatten wir noch gelacht miteinander, französisch geradebrecht und ich staunte, wie gut sie organisieren konnten. Jetzt ist das Lachen weg und sie sitzen da in ihren Sportklamotten und sprechen kein Wort. Wahrscheinlich würden wir uns auch nicht verstehen, wenn wir sprechen wollten, denn gutes Dutzend Kinder aller Hautschattierungen rast überdreht durch die Wohnung, bis endlich jemand auf die Idee kommt, wenigstens die Größeren nach draußen zu jagen, auf den Hof mit dem Spielplatz. Soweit ich es überblicke ist es der einzige Hof, auf dem keine überfüllten Müllcontainer oder Autos herumstehen. Gabi versucht mit Torten und Kaffee etwas Gemütlichkeit in den Nachmittag zu bringen, aber es bleibt dabei: Die Kinder hampeln herum, die Männer schweigen. Nur Pierre behält sein unerschütterliches, schüchternes Jungenlächeln und bietet mir nach dem Kuchen stolz eine afrikanische Spezialität an: Maisbrei, ganze Fische und Spinat. Danach bin ich sehr froh, dass meine Familie auf Abmarsch drängt. Auf dem Weg zum Auto sehen wir uns stumm an. Auch wir werden bald eine neue Wohnung brauchen und wir hatten uns nach Gabis Beschreibungen und der Aussicht auf eine französischsprachige Grundschule ernstlich überlegt, ob wir ihr nicht folgen sollten. Jetzt wissen wir: Wir müssen Gabi oft besuchen, damit sie im Märkischen nicht untergeht. Und wir wissen, was wir am Wedding haben.

National befreite Zone

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Unser Hausmeister hat national geflaggt. Seit der Weltmeisterschaft im Sommer hängt in unserem schattigen Hinterhof neben Sandkasten und Teppichklopfstange die Deutschlandfahne. Sie macht keinen erhebenden Eindruck, wie sie  da an einer viel zu dünnen Stange mit Kabelbindern festgezurrt ist. Nix deutsche Wertarbeit – handwerklicher Murks, wie alles was unser Hausmeister macht. Dafür kann er gut Verbotsschilder basteln. Mit dem Lötkolben hat er ein Holzbrettchen bearbeitet, das jeden Winter die Benutzung des Hofes bei Glätte verbietet. Die Zeit hätte er mal besser zum Streuen bei Glatteis verwendet, der faule Sack. Er hängt auch gern Verbotsschilder im Treppenhaus auf: Dass das Radfahren verboten ist und dass die Kinder leise zu sein haben. Neulich hat er es aber übertrieben. Nachdem der Aufzug mit dem robusten Gefängnisschließer aus dem vierten Stock stecken geblieben ist, hat der Hausmeister ein Schild aufgehängt, als Hinweis, dass der Lift maximal 300 Kilo trägt. Das hat der Schließer persönlich genommen, so als Hinweis auf seine Körperfülle und die seiner Frau. Hei, war das ein Geschrei vor der Hausmeistertür. Jetzt haben sich beide gegenseitig wegen Beleidigung verklagt und reden nicht mehr miteinander. Ja, ja es wird viel geschrien in unserem Treppenhaus. Als die Frau des Hausmeisters mal wieder vor unserer Wohnungstür stand, um sich über den Krach unserer Jungs zu beschweren, kam unsere Nachbarin zur Hilfe. Wie eine Furie stürzte sie sich auf die nölende, schlecht blondierte Hausmeistersgattin und fuhr sie an, dass die Kinder das Recht hätten zu schreien, und dass sie, als Hausmeistersfrau, doch erst mal lernen sollte, jeden im Haus ordentlich zu grüßen und so weiter. . Der Nachbarin haben wir eine Flasche Wein geschenkt. Die Hausmeisterin ist nie wieder aufgetaucht. Dafür hat sie uns ganz heimlich die Polizei auf den Hals gehetzt – Verdacht auf Kindesmisshandlung. Das saß!

Als wir uns vor einigen Jahren die Wohnung in diesem Haus angeschaut haben, betonte  der Hausmeister, dass er und die Hausverwaltung darauf achten, dass in dieses Haus nur  deutsche Mieter einziehen. Damals hat uns das beruhigt, heute wissen wir, was das bedeuten kann.

Kafka und die Kinder

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Dass man seine Texte nicht richtig verstehen wird, hat Franz immer geahnt. Auch die Willkür der Obrigkeit war für ihn eine ständiges Thema. Aber dass dereinst die Behörden seien Namen verunstalten und auf schäbige Trinkhallen in Berlin-Wedding kleben werden, wäre ihm wohl noch nicht mal in seinen dunkelsten Stunden in den Sinn gekommen. („KAfKA – ich mach mit!“ ist eine eingetragene Wort-Bild-Marke des Bezirksamts Neukölln von Berlin, Abteilung Bürgerdienste und Gesundheit, 12043 Berlin)

No milk today

baby_trinkt_milch

Samstagabend, kurz vor Ladenschluss. Die dicke schwarze Frau mit dem Kinderwagen und ich sind die letzten Kunden im dm-Drogeriemarkt Müllerstraße. Ich suche Windeln und sie etwas zu Essen für Ihr Baby. „Do you speak English?“ wendet sie sich nach ihrer erfolglosen Irrfahrt durch die Gänge an die Verkäuferin. „I will try“, antwortet die freundlich. „Babymilk, Aptamil please.“ „No Aptamil, perhaps monday“, radebrecht die Verkäuferin zurück. Die Mutter zuckt resigniert die Schultern und schiebt ihr Kind hinaus in die Nacht. Eine afrikanische Mutter mit einem hungrigen Kind wird weggeschickt. Ich wittere latenten Rassismus wenn nicht Schlimmeres und stelle die Verkäuferin zur Rede: „Wieso haben Sie der Frau kein Aptamil mehr verkauft?“ „Weil wir keins mehr haben. Es gibt bestimmte Bevölkerungsgruppen, die kaufen alles auf was wir herein bekommen und schicken es in ihre Heimat.“ „Und wo ist diese Heimat?“, frage ich. „Na in China. Da gab es vor Jahren einen Babymilchskandal, seither kaufen die hier alles auf und schicken es nach Hause. Wir haben schon versucht es einzuschränken und haben nur noch drei Packungen pro Person verkauft. Aber dann kamen sie einfach fünfmal am Tag.“ Nachdenklich stopfe ich die Windeln in meine Packtaschen und mache mich auf den Heimweg. In Berlin müssen afrikanische Kinder hungern, weil in China die Eltern dem Babymilchpulver nicht mehr trauen können. Bisher dachte ich, dass die Globalisierung alle Waren dieser Welt in die reichen westlichen Länder schaufelt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen dabei, aber war doch froh, dass im Supermarkt die Regale immer voll waren. Jetzt beginne ich zu ahnen, wie sich Afrikaner fühlen müssen.

PS: Inzwischen hat die Firma Aptamil reagiert und einen Notruf für Mütter eingerichtet, die vor leeren Regalen stehen. http://www.aptawelt.de/warenverfuegbarkeit