Aussichten

Blick vom “Futurium“ auf die neue Europa City Berlin

Die Zukunft ist ein Kinderspiel. Aber sie funktioniert nur im Halbdunkel. Mit offenem Mund stehen meine Jungs vor den weißen Ausstellungswänden, an denen vieles blinkt, schnarrt und zum Mitspielen einläd. Wissenschaftlerinnen erklären das Genom, Roboter erzählen hier von ihren Fähigkeiten, seltene Krankheiten werden per Genanalyse schon früh erkannt und geheilt und der Verkehr läuft per Rohrpost oder Lufttaxi. Ja, so sieht die Zukunft aus, wenn man an die Technik glaubt. Und das tut man als Junge gerne. Als ich zehn war las ich Bücher von Walt Disney, in denen riesige Maschinen mit Laserstrahlen die Urwälder rodeten, die wir heute gerne wieder hätten. Aber wozu brauchte man noch Bäume, die das Klima erhalten? Weiße Männer mit Seitenscheitel und wohlerzogenen Kindern machten es sich in großen Glaskugeln mit künstlicher Atmosphäre unter dem Meer oder auf dem Mars gemütlich, während die weiße Frau im Etuikleid ihnen Getränke servierte. Das mit dem Mars glauben meine Jungs immer noch. Aber vorher müsse man die Sonne reparieren, weil sie ja in mehreren Millionen Jahren aufhört zu strahlen. Die Jugend denkt in großen Zeiträumen. Für mich ist die Zukunft heute ist nicht mehr so übersichtlich. Wie ein Labyrinth fächern sich die Visionen in dem abgedunkelten Teil des “Futuriums“ in Berlin auf, das gleich neben dem Bundesministerium für Bildung und Forschung an der Spree steht. Nicht weit weg ist das “Museum der Gegenwart“ im alten Hamburger Bahnhof. Aber wir sind heute im Museum der Zukunft.

Und die Zukunft nervt. Überall muss man sich entscheiden. Permanent werde ich von Computern geduzt: Willst du, dass der Doktor deine Gendaten in eine Gendatenbank hochläd, um dir zu helfen? Willst du, dass …? Die Zukunft ist ein Wunschkonzert und überfordert mich, weil ich schon von der Gegenwart genug gefordert bin. In dieser blauäugigen Version der Zukunft, die von ein paar Pharmakonzernen gesponsert ist, gibt es keine Grenzen, keine Gesellschaft und keine Traditionen. Alles steht immer zur Verfügung und jeder ist für sich selbst verantwortlich. Ich verliere schnell den Überblick und den Kontakt zu meinen Kindern, die wie hypnotisiert vor den Wänden stehen. Die Idee, gemeinsam mit ihnen Station für Station abzulaufen und ihre Fragen zu beantworten, gebe ich schnell auf. Meine Gedanken springen, während sie die gleiche Station drei oder vier Mal ausprobieren wollen. Das Geblinke und das Gewirr der mechanischen Stimmen verwirrt mich. Immerhin ist es der erste Museumsbesuch seit einem Jahr. Und Antworten auf ihre Fragen habe ich eh nicht. Erschöpft setze ich mich auf eine der Bänke, von denen ich alles zu überblicken glaube und muss keine zehn Minuten später suchend durch das ganze Haus irren, weil meine Jungs durch irgendwelche Quergänge meinem Blick entwischt sind. Ich finde sie auf der helleren Seite der Zukunft bei einer riesigen Kugelbahn, neben einer riesigen, raumfüllenden Holzskuptur, deren Sinn sich mir nicht erschließt. Image

Foto: Futurium; David von Becker

Die Zukunft, ein Klettergerüst auf einem Kinderspielplatz mit Blick auf das Bundeskanzleramt? Ich lotse die Jungs zur riesigen Fensterfront auf der Gegenseite. Sie bietet uns Ausblick auf die gerade fertig gewordene “Europa City“, ein Neubaugebiet neben dem Hauptbahnhof, das auf dem ehemaligen Gebiet der Berliner Mauer von Investoren hochgezogen wurde. So sah die Zukunft nach dem Mauerfall aus: Gesichtslose Wohnblocks für die Bessergestellten, nur unterbrochen von Hotels für die “Anywheres“ und Bürohochäusern mit Schießschartenfenstern, in denen sich Ölkonzerne und Unternehmensberatungen gleich neben dem Regierungsviertel in Position gebracht haben. Und das alles wurde dann noch als Beitrag zur europäischen Einigung verkauft. Was man in dem Panorama nicht sieht ist der Berliner Hauptbahnhof, an dem seit Tagen tausende Flüchtlinge aus der Ukraine ankommen. Unsere schöne neue Welt hat einen Knacks bekommen. Unser selbstverliebtes Spiel mit Daten, Geld und Waren. Aber vielleicht ist die Freundlichkeit mit der die Menschen empfangen werden, die hier heute ankommen ja unsere wirkliche Zukunft?

Auf dem Rückweg jammert einer meiner Söhne, tritt lustlos in die Pedale und bleibt hinter uns zurück. Den nächsten Tag bleibt er im Bett. Heute weiß ich, dass er Corona hat. Das gibt es ja auch noch. Die Zukunft ist immer für eine Überraschung gut.

Billige Gefühle

Zugegeben, es waren nicht die edelsten Gedanken, die mich ins “Happy Day“ führten. Niemand sollte sein Süppchen darauf kochen, wenn große Träume zerplatzen, wenn Traditionen zerbrechen und ein Lebenswerk auf dem Ramschtisch landet. Aber mir gings um die Bilder. Nach dem Fall der Berliner Mauer bin ich lange in zerfallenen Kasernen und verlassenen Fabriken umhergestreift und konnte vom Hauch der Vergänglichkeit und vom Untergang großer Zeiten nicht genug bekommen. “Lost-Places-Fotografie“ nannte man das später. Jetzt hatte es mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gejuckt. An dem Laden in der Müllerstraße konnte ich einfach nicht vorbei, als ich die Schilder sah, die den Ausverkauf ankündigten. Ich wollte da rein, wollte nicht nur die Nase neugierig an die Scheibe drücken, mir meinen Teil denken. Ich wollte hinter die Kulissen schauen, den Niedergang dokumentieren und die wahre Geschichte erfahren, mit den Menschen sprechen – und wieder schräge Bilder machen. Ich wolle eine Geschichte erfahren, die weiter nicht von meinem eigenen Leben entfernt sein könnte als diese. Und ja, es ging mir auch um das blöde Wortspiel mit “Wedding“ und “Hochzeit“. Ich ging zum Schlussverkauf in ein Brautmodengeschäft. Ich kriegte alles was ich wollte. Und es wurde ein trauriger Tag.

Ganz offiziell hatte ich die besten Absichten. Ich hatte mir einen Rechercheauftrag des „Weddingweisers“ besorgt, dem “Was ist los in deinem Kiez?“-Portal für den Wedding. Einen Interviewtermin mit der Besitzerin hatte ich auch, die lakonisch mit “Ein bisschen Werbung kann ja nicht schaden.“, zugesagt hatte. Und dem Motto meines Blogs war ich auch treu: „Manche Geschichten sind einfach zu schön, als dass sie vergessen werden dürften.“

Als ich in den Laden trete, ist es still. Ich rufe, niemand antwortet. Auf dem Boden verstreut liegen weiße Pumps, aufgeklappte Kartons und eine Stehleiter. Hier hat noch vor kurzem eine Auswahlschlacht getobt. Zeichen von Leben in dem sonst grabesstillen Räumen. Was ist hier los? Ich schaue mich um, hole vorsichtig die Kamera raus, mache zaghaft die ersten Bilder. Ich bin vorsichtig. Es ist ein Terrain, das man als Mann selten alleine betritt, und das ich mein Leben lang gemieden habe wie der Fisch das Fahrrad.

Was mir als erstes auffällt sind die Unmengen von Kitsch. “Accessoires“ wird das die Besitzerin später nennen. Nippesfigürchen für Hochzeitstorten, Tischdeko und Spardosen für die Flitterwochen in der Form von fröhlich kopulierenden Schweinen. Das alles gemischt mit katholischen Ritualgegenständen, Kerzen, Taufkissen und lebensgroßen Kinderpuppen wie aus einem Horrorfilm, erstarrt in weißen Kleidchen für die Kommunion. Das alles durchdrungen vom Geruch einer schlecht gelüfteten katholischen Kirche. Oder holt mein Gedächtnis diesen Geruch wieder hervor, weil es diese Devotionalien sieht? Mir wird zum ersten Mal schlecht.

Aus dem Nichts erscheint die Besitzerin. “Keine Bange, ich hatte sie die ganze Zeit im Blick: Videoüberwachung.“, lächelt sie und bietet mir ein bisschen widerwillig einen Platz auf der altdeutschen Polstergarnitur an. Ihr Gesicht ist perfekt geschminkt und ich schätze sie 10 Jahre jünger als ihr Alter, das sie mir später verraten wird. Aber sie ist eine Weddinger Hochzeitsschneiderin und völlig ohne Glamour. Sie kleidet sich wie ihre Kundschaft: Jeans, Glitzerpullover und Turnschuhe von undefinierbarer Farbe. Einen größeren Kontrast zu den edlen Roben, die dicht gedrängt bis unter die Decke hängen, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn ich sie an der Kasse von Edeka getroffen hätte, sie wäre mir nicht aufgefallen.

Das Gespräch beginnt schleppend. Die Frau wirkt misstrauisch und müde wie ihr Laden. 30 Jahre werden es in diesem Mai, seit sie das Geschäft mit ihrem Mann gestartet hat. Fünf Angestellte hatten sie mal, Auszubildende auch. Seit Corona machen sie Verluste. Als ich sie frage, wann sie endgültig Schluss machen, zögert sie kurz, als würde ihre Entscheidung in diesem Moment fallen: “Schreiben sie Ende Juni. Und dass es bis dahin bis zu 80 Prozent Rabatt auf alle Kleider gibt.“ Was dann sein wird, wage ich sie nicht zu fragen. Ich fühle mich immer unwohler, als sei ich in einem Beerdigungsinstitut statt in einem Brautladen. Alle Lebensfreude, all die Zukunftsträume, die mit einer Hochzeit verbunden sein sollen, sind aus diesem Laden gewichen. Die blicklosen Augen der Schaufensterpuppen, der Ramsch, die vertrockneten Blumen; alles erdrückt nur noch. Und auch die 400 festlichen Kleider in creme, champagner und ivory hängen wie leblose Fahnen der Kapitulation von der Decke. „Ja, schreiben sie Ende Juni.“, sagt sie mit plötzlich kratziger Stimme. „Noch so eine tote Saison will ich nicht erleben.“

Die Partei, die Partei…,

die hat recht viele Sorgen. Nur noch ein nostalgischer, schwarz-weißer Fotoschnipsel erinnert an die besseren Zeiten der Partei der Arbeiterklasse einst in Berlin. Das Wasserspiel auf dem Straußberger Platz, das unter derzeitigen linken Regierung aus Geldmangel ab und zu abgestellt wird, sprudelt noch auf einer Straße, die einst Stalinallee hieß und in der die Arbeiter und Bauern in wahren Palästen wohnten, (wenn sie nicht gerade streikten und dafür von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurden). Da war die Welt noch in Ordnung.

Und heute? Heute sollen die Mieterinnen das schützen, was von der Partei, die sich jetzt die Linke nennt, noch übrig geblieben ist? Ist das ihr Ernst? Natürlich steht bei der Mieterin noch ein bunter Blumenstrauß (vom letzten Frauentag, der dank der Partei in Berlin jetzt wieder Feiertag ist) auf dem Tisch. Aber soll wirklich diese, trotz ihres schweren Lebens tapfer lächelnde Alleinerziehende allein die Partei Die Linke schützen? Nein, nicht ganz allein. Sie hat ja noch den kleinen grünen Drachen. Der wird‘s richten.

Hello again

Es gibt Bücher, die verfolgen einen ein Leben lang. Romane, Biografien oder Gedichte mit Zeilen, die sich festbrennen, mit Passagen, die wie aus dem eigenen Erleben geschrieben zu sein scheinen oder mit Versen, die an trüben Tagen Trost spenden. Lange habe ich geglaubt, dass „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ von Robert Pirsig dieses Buch für mich sei . Drei Mal habe ich es gelesen. Zuerst war es für mich ein Einstieg in die abendländische Philosophie (Wer sagt mir, dass das Motorrad auf dem ich fahre und das Motorrad, das ich unter mir sehe der gleiche Gegenstand ist?) Dann eine gut geschriebene Reparaturanleitung (Verwende das Blech einer Bierdose zum Unterlegen, wenn der Lenker wackelt) und dann eine Vater – Sohn Geschichte. (Der Erzähler ist mit seinem verschlossenen Sohn auf dem Sozius unterwegs durch Amerika). Es hat wirklich mein Leben geprägt. Als ich nach der Trennung von ihrer Mutter den Kontakt zu meiner Tochter verloren hatte, habe ich mit einer Motorradreise nach Masuren versucht, das Band wieder herzustellen. Immerhin waren wir uns hinterher einig, dass die Musik auf meinem Handy, die sie tagein tagaus während der Fahrt hörte, ziemlich cool sei.
Doch wenn ich wirklich schaue, welches Buch ich in meinem Leben am meisten in der Hand gehabt habe, welches Buch mir die meisten frohen und traurigen Stunden geschenkt hat, dann war es ganz eindeutig das Sozialgesetzbuch. Ein geheimer Bestseller, die Bibel unseres Sozialstaates, der gerade in seiner 50. Auflage erschienen ist. Ein Buch, in dem sich dreizehn magische Bücher verbergen, deren Sinn sich nur Eingeweihten erschließt. Zum Beispiel warum das dreizehnte Buch nicht als dreizehntes gezählt wird, sondern als vierzehntes. Ein Buch, das richtig gelesen, über Wohlstand oder Verderben entscheiden kann, über Glück oder Verdammnis und, ja, über Leben und Tod. Kein Wunder, dass die Zahl seiner Fans in Deutschland in die Millionen geht. Allein im Geheimclub „Bundesagentur für Arbeit“ lesen es mehr als Hunderttausend treue Anhängerinnen jeden Tag- ganz legal in der Arbeitszeit. Und auch in den Job-Centern, den Unfallversicherungen und den Krankenkassen, den Sozialämtern, bei der Kinder- und Jugendhilfe und bei den Pflegekassen wird jede Neuauflage heiß herbeigesehnt. Da kommt noch nicht mal Harry Potter mit.

Leider lesen alle nur die Bücher, in denen sie sich eh schon auskennen. Dabei gäbe es so viel zu entdecken. Den 2162 Seiten Dünndruckpapier (Stand März 2021) ist nichts menschliches fremd. Von der assistierten Ausbildung bis zu Sterbegeld. Von der Wiege bis zur Bahre ist hier alles drin, was ein echter Pageturner braucht. Meine Lieblingsseiten sind die, bei denen es um die „Selbstverwaltung“ geht. Die gibt es in vielen der Bücher. Das ist richtig harter Dirty old Man-Stuff. Was über weiße alte Männer in kleinkarierten Jacketts und unpassenden Krawatten, die in Hinterzimmern billiger Tagungshotels Kondensmilch in sauren Kaffee träufeln und dabei schmutzige große Deals machen. Es geht hier jedes Jahr um hunderte Milliarden. Steuergelder, Beitragsgelder.

Fünf Jahre habe ich geglaubt, dass ich diesem Buch entrinnen könnte: Fünf Jahre habe ich mich mit dem Guten, Schönen und manchmal auch Wahren beschäftigt. Jetzt hat es mich wieder: Das Buch meines Lebens. Vor Dreißig Jahren habe ich als Zauberlehrling damit begonnen die „Reichsversicherungsordnung“ in das „Sozialgesetzbuch VII“ zu verwandeln. Das waren Anfängerübungen mit billigen Tricks, über die ein Dumbledore nur gelächelt hätte. Aber schon damals galt das Mantra: Die Paragrafen und Begriffe dürfen sich ändern, die Strukturen nicht. Seit dem Jahr, in dem ich mir die letzte Auflage meines Lieblingsbuchs gekauft habe, ist es um 500 Seiten dicker geworden. Ich zweifle langsam daran, dass unser Leben dadurch im gleichen Maß sozialer geworden ist. Aber es gibt noch einen Grund warum ich es nicht mehr so oft in die Hand nehmen werde:
Es gibt noch viel mehr Gesetze, die unseren Sozialstaat bestimmen. Und erst als ich mir das neue Buch gekauft hatte, habe ich gemerkt, dass das Gesetz, mit dem ich mich jetzt beschäftige, gar nicht zu den heiligen Schriften gehört. Es ist nie zu spät, etwas Neues zu beginnen.

Auf Linie

Würde die Welt eine bessere sein, wenn die Frauen die Macht hätten? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten. Aber wenn ich einen Blick auf die Bereiche werfe, in denen die Frauen jetzt schon das Sagen haben, lässt das bei mir zumindest nicht allzu große Hoffnungen für die Zeit nach der Niederwerfung des Patriarchats entstehen. Ich rede von der Grundschule. Ich rede von der Wunschliste der Lehrerinnen zum Anfang des neuen Schuljahres, von Lineaturen, Heftformaten und Schnellheftern.
Die SMS, die ich von der Mutter meiner Söhne bekam, klang wie beiläufig: „Kannst du bei McPaper vorbeigehen und einen Schnellhefter in grün -aber nur von Durable, keinen anderen, und zwei Geometriehefte Lineatur 24 mitbringen?“ Sie ahnte nicht, dass sie mich damit auf eine Reise schickte, die mich einen sonnigen Nachmittag und den Rest meiner Nerven kostete. Diese Reise kafkaesk zu nennen, wäre hier am Platz. Aber ich habe dabei auch viel über unser Land gelernt.
Bei McPaper stehe ich vor dem Regal mit den Schulheften und verstehe die Welt nicht mehr. Später werde ich erfahren, dass es in Deutschland mehr als 30 verschiedene Lineaturen gibt, dazu noch mindesten drei verschiedene Formate von Din A4 bis Quart und natürlich das alles als Block und als Heft, mit 16 und 32 Blatt mit und ohne Rand… Wer hat sich diesen Wahnsinn ausgedacht? War das schon immer so? Und warum?
Die Verkäuferinnen bei McPaper sind nicht besonders gut in Warenkunde. Aber immerhin können sie mir sagen, dass sich hinter „Geometrieheft“ ein Heft ohne Linien verbirgt. Blanko, sozusagen, weiße Blätter. Das gibt es auch noch. Aber wie kann ein Blanko-Heft eine Lineatur haben? In Deutschland geht alles. Ich finde ein Blanko-Heft mit Lineatur 25 aber ohne Rand, und tue was alle Väter tun: Ich stehe im Laden und rufe die Mutter an, die nicht wirklich geglaubt hatte, das Problem an mich losgeworden zu sein. „Weiß ich auch nicht.“, seufzt sie, „Es muss halt 24 draufstehen, mehr weiß auch nicht.“ Es ist also kein Frage der Pädagogik oder des Kindeswohls, sondern eine Frage der Autorität. Man will der Lehrerin gefallen, in dem man jeden ihrer absurden Wünsche erfüllt. Meine Zwillinge gehen in zwei verschiedene Klassen, im gleichen Jahrgang der gleichen Schule. Ich kann also gut vergleichen. Der eine hat das Schreiben in Blockschrift gelernt, der andere in Schreibschrift. Auch die Mathebücher waren unterschiedlich. Alles nach Ermessen der Klassenlehrerin. Und wenn die Lehrerin wechselt, was oft geschieht, wechseln auch die Anforderungen. Absprache, Koordination, einheitliche Regeln? Fehlanzeige. Alle meckern über den Hick-Hack der 16 Bundesländer. Aber das Problem fängt wohl früher an. Und das Problem hat zwei Seiten: Es gibt eine, die die Regeln aufstellt, und eine, die sie befolgt. Warum sind Mütter, die sonst den Konflikt mit den Lehrerinnen (auf der Grundschule meiner Kinder gibt es keinen Lehrer) um Schulessen, Pausenzeiten oder besondere Coronaregeln nicht scheuen, so devot und so kleinteilig, wenn es um die Schulsachen geht? Und warum wälzen sie diese Aufgabe dann auf mich ab?


Meine Odyssee, die bei McPaper begonnen hat bringt mich in alle Läden, die unsere Müllerstraße, die mal „Kurfürstendamm des Berliner Nordens“ genannt wurde, noch zu bieten hat. Zu Woolworth, zu McGeiz und zu Müllers Drogerie. Überall das gleiche Bild: Ratlose Eltern, mit und ohne Anhang zwischen zerrupften Regalen, die extra für die „Schulsonderaktion“ aufgestellt wurden. Türkische Mütter mit Kopftuch und ganzer Familie in regem wie verzweifeltem Austausch, ein russischer Vater mit Sohn und großer Einkaufsliste, die ich zuerst bei „Müllers“ und dann noch drei Mal mit immer prallerem Beutel treffen werde. Ein arabischer Mann mit Sohn, der ihm die Wunschliste auf dem Handy vorliest, telefonierende Männer… Geheimtipps machen die Runde: Bei „Pfennigland“ soll es noch Blanko-Hefte geben, raunt mir eine junge Frau zu, die gerade eine türkische Frauengruppe beraten hatte. „Pfennigland“, murmele ich vor mich selber hin, und es klingt wie der Name des himmlischen Jerusalems. Dass ich daran nicht gedacht hatte. Hier bin ich Stammkunde. Das ist der Ort, an dem Wunder möglich werden- zu kleinem Preis. Hier finde ich immer die Überraschungen für die Kindergeburtstage und manchmal auch Ersatzteile für mein altes DDR-Fahrrad. Doch als ich ankomme, ist das Regal leer und mein Mut verflogen. Ich könnte noch zu Karstadt, aber meine Kraft reicht nicht mehr. Geschlagen ziehe ich zu McPaper zurück und kaufte zwei Hefte blanko, Lineatur 25 für je 39 Cent das Stück, um nicht mit leeren Händen bei meinen Kindern anzukommen. Vielleicht übersieht es die gestrenge Lehrerin ja und vielleicht müssen meine Kinder nicht unter dem Versagen ihres Vaters leiden. „Ach, das hättest du jetzt nicht machen müssen.“, flötet die Mutter meiner Söhne, „Ich hätte die Hefte auch am Montag noch hier im Schreibwarenladen besorgen können. Aber an den grünen Hefter hast du gedacht? Den gibt‘s nämlich nur bei McPaper.“ Auf meinem dritten Gang in die Welt der Frauen gründe ich in Gedanken und mit wachsender Freude die erste Widerstandsgruppe für die Zeit, wenn das Matriarchat die Macht übernommen hat. Also heute.


Pole Dance

Sie war nicht mehr jung und sie war mir auch nicht gleich aufgefallen. Erst als ich an der der Ampel warten musste und ich lange zu ihr hinüberschaute, merkte ich, dass sie tanzte. Es war ein kleiner Tanz. Zwei Schritte vor, zwei zurück, die Hand immer am Rücken und wie flüchtig an einen Parkpfosten angelehnt. In den paar Minuten, in denen ich ihr zuschaute, probierte sie auch seitliche Schritte, aber immer wieder blieb sie am Schluss an dem Poller stehn. So sehen Leute aus, denen rundherum das Land wegbricht.

Sie war eine stolze Frau. Als ich sie fragte, ob ich ihr weiter helfen könne, schaute sie mich keck an. „Ja, ja das denken sie, dass ich nicht mehr weiter komme. Aber ich will nur sehen, was da vorne auf dem Schild steht, aber ich seh es nicht mehr.“ Ich ging ein paar Schritte vor, nun noch ein paar, weil die Messingplatte in der Abendsonne spiegelte. „ Ha!“, triumphierte sie: „ Sie müssen auch nah ran!“ Ich kam zurück und nannte ihr den Namen. „Ist das nicht das Verwaltungsgericht?“ Nein, sagte ich, das ist das Verkehrsministerium. „Ich frage nur, weil ich hier mal war, und ich dachte ich hätte es wieder erkannt.“ Es folgte ein etwas durcheinandergewürfelter Bericht über einen Prozess vor langer Zeit, den sie anscheinend gewonnen hatte. „Das Verwaltungsgericht ist drüben, sagte ich und wies mit dem Finger Richtung Bahnhof, aber das schien sie nicht wirklich mehr zu interessieren.

Auf dem Rückweg von der Arbeit treffe ich hier an der Ecke ab und zu Leute, die nicht mehr weiter wissen. Die Straße runter ist ein Altersheim und da starten sie manchmal zu einem Ausflug. Zwei Querstraßen weiter wissen sie nicht mehr, wo sie sind. Aber auf den Rollatoren steht gottseidank die Telefonnummer und dann kommt der Pfleger sie abholen. Aber meine Tanzpartnerin heute war keine von hier. Sie sah aus wie eine Bergwanderin mit ihrer hellgrauen Funktionsjacke und den soliden Schuhen. Nur den Wanderstab hatte sie vergessen. Sie hielt sich immer noch an dem Pfosten fest. Ich streckte meine Hand aus und wollte sie ihr reichen. „Fassen Sie mich nicht an, sonst fall ich um!“, bat sie. Mit ihrem letzten Rest Geschmeidigkeit rettete sie sich auf ein warmes Mauersims – wie eine Eidechse saß sie da. „Darf ich sie ein Stück mitnehmen?, fragte ich ahnend, dass sie auch von der Mauer nicht mehr weg käme. Sie schaute mein Fahrrad an, und meinte spöttisch: „Was, denken sie ich setzte mich auf ihre Gepäckstange? Wir lachten beide, lächelten uns an und ich fuhr weiter.

Mein Körper – Mein Leben

DSCN2144_1

„Sie haben hier bei „Vorerkrankungen“ nichts eingetragen.“, weist mich die Orthopädin freundlich hin. „Da war auch bisher nicht viel.“, gebe ich freundlich zurück. „Ich musste noch nie ins Krankenhaus.“ Ich überlege einen Moment. „Außer dem üblichen Blinddarm natürlich. Mit 11 Jahren war das. Aber den haben sie ja damals allen Kindern rausoperiert.“ Die Ärztin nickt und bohrt nach. „Mir ist bei ihren Zehen aufgefallen, dass einer versetzt ist.“ „Ach so ja, den hab ich mir beim Karate gebrochen. Ist aber schon ne Weile her.“ „Ja“, sagt sie, „und sonst nichts weiter?“ Ich scanne meine Gelenke vor meinem inneren Auge von oben nach unten. „Die linke Schulter habe ich mir mal ausgerenkt. Motorradunfall.“ Und wie den Ärzten damals verschweige ich auch heute, dass ich damals mit der lädierten Schulter und dem lädierten Motorrad von Zürich bis nach Hause zurück gefahren bin. War wohl im Schock. „Und rechts, an der rechten Schulter alles in Ordnung?“ „Ach, da war mal der Schlüsselbeinbruch. In der Grundschule.“ Ich weiß es noch genau: Es war der rothaarige Rudi, der mich auf dem Schulhof in eine Keilerei verwickelt hat. Immerhin war er dann so anständig, mich an meinem Krankenlager zu besuchen, in dem ich mich pudelwohl fühlte, und mir einen Lastwagen zu schenken. „Ach ja, das Schlüsselbein hab ich mir dann später noch mal gebrochen. Fahrradunfall, so mit Mitte Zwanzig.“ So langsam bereue ich, dass ich nicht mehr zu meinem üblichen Orthopäden im Wedding gehen konnte. Der hat nicht so viel gefragt. Aber er hat schon vor ein paar Jahren aufgegeben. „Zu viele Verrückte in der Praxis.“, sagte er mir beim letzten Mal. „Alle Nase lang die Polizei im Haus, wegen irgendjemand, der sich in seiner Ehre gekränkt fühlt und durchdreht.“ Er ist jetzt Doktor in einem schicken kirchlichen Krankenhaus in Mitte. Und ich jetzt im schicken Westend, bei dieser Ärztin, die damit wirbt, sich Zeit zu nehmen für ihre Patienten. Sie scheint ihr Handwerk zu verstehen. Einmal angestoßen geht die Körperreise bei mir fast von alleine weiter. „Ja“, sagt sie verständnisvoll, gab es da noch etwas?“ „Den Unterarmbruch,“ murmele ich, vor 15 Jahren. Fahrradunfall.“ Eigentlich ist daran nichts, für das ich mich schämen müsste. Ein Auto kommt mir entgegen, sieht mich nicht, biegt plötzlich nach links ab. Ich mit nagelneuem Fahrrad, bremse zu heftig, überschlage mich und lande auf der Straße. Die Versicherung hat alles geregelt. Die Autofahrerin bekam die Schuld. Ich bekam Schmerzensgeld und alles. Alles gut. Das Blöde war: Es waren beide Arme gebrochen. Und als ich dann aus der Notaufnahme kam, mit zwei angewinkelten Armen in Gips, waren die Reaktionen meiner Mitmenschen sehr seltsam. Mit einem Arm in Gips ist man ein bedauernswertes Opfer. Mit zwei Armen in Gips ist man eine Witzfigur. Wir hatten für eine Woche später einen Flug gebucht. Meine Freundin wollte mir ihr Hippie-Paradies auf Rhodos zeigen. Wir sind auch hingekommen, aber frag nicht wie. Das fing schon bei der Fluggesellschaft an. Am Check-In sollte ich unterschreiben, dass mir das nicht an Bord passiert ist. Hat dann meine Freundin gemacht, denn Schreiben ging ja nicht. Und alle Alt-Hippies auf Rhodos haben gelacht. Und alle Griechen haben seltsam gegrinst, wenn sie uns kommen sahen. Und alle, wirklich alle Frauen haben als erstes gefragt: „Und wie wischst du dir jetzt den Arsch ab?“ Sechs Wochen ging das so weiter.
„So, so“, sagt die Ärztin, das ist ja eine ganze Menge, was da zusammen gekommen ist.“ Sie grinst mich an und sagt „Sie führen ein gefährliches Leben.“
Yeha, Baby. Ich lebe wild und gefährlich. Steig auf. Lass uns nach San Francisco reiten, die Sonne putzen…

Darstellende Vergangenheit (Perfekt ridiculus)

5A275446-66FD-4BB0-8FDA-A123F8E31E14-340-0000000E498AB0DD

Freitagvormittag. Ich sitze vor dem Bio-Laden, meinem Bio-Laden, der noch so aussieht wie der Bio-Laden, bei dem ich in den 90ern selbst Hand angelegt habe. In Holzregalen liegen Räucherstäbchen und selbstgestrickte Mützchen. Körner gibts zum Selbermahlen und ein Schild mahnt: „Bitte denkt an eure Brotbestellungen“. Draußen ist ein Brett schief auf den Sims vor dem Schaufenster geschraubt, auf das sich vorsichtig setzen kann, wer die Sonne genießen will. Da draußen sitze ich und trinke einen Kaffee, richtig fair gehandelten natürlich, aus einer richtigen Tasse. Ist mir doch wurscht, was die Corona-Polizei sagt. „Legal, illegal, scheißegal“ hatte ich damals auf der Jacke stehn. Und natürlich lese ich dabei die taz, die für die Mitglieder des Ladens kostenlos ausliegt. Und als ob ein Filmteam zu meiner perfekten Inszenierung vergangener Zeiten noch ein paar Komparsen angeheuert hätte, kommt die laute Kinderschar aus der selbstverwalteten Eltern-Initiativ-Kita „Tüte Mücken“ auf dem Weg zum Spielplatz vorbei. Eine Erzieherin grinst mich an. Vielleicht gefällt ihr dieses störrischen Festhalten an dem, was einmal Lebensfreude bedeutete. Die Kinder merken das Interesse und fragen sie: „Was macht der Mann da?“ „Der liest eine Zeitung.“ „Was ist eine Zeitung?“ „Das erklär ich dir nachher.“

Samastagnachmittag. Drei laute Kinder toben auf meinem Sofa herum. Es sind meine eigenen. Draußen fällt Schneeregen. Mir muss bald etwas einfallen, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, sonst platzt mir der Kopf. Vor ein paar Tagen hatte ich begonnen, meinen Keller aufzuräumen, um der Trübsal der Telearbeit zu entgehen. Einen Umzugskarton voller Dias samt Projektor habe ich nach oben geschafft. Der Projektor geht noch. Lange Nächte habe ich seitdem im Schein der 150 Watt Halogenlampe verbracht, mit dem Rauschen des lauten Gebläses und dem harten Klacken, das der Greifer macht, wenn er sich ein neues Bild aus dem Magazin zieht. Stundenlange Meditationen über die Vergänglichkeit waren das, mit stockfleckigen Bildern aus einer untergegangenen Epoche voller Aufbruchsgeist, unterbrochen nur von dem bienenschwarmigen, wütenden Gesumm des Ventilators, wenn mal wieder ein Dia hängengeblieben war.
Vor ziemlich genau einem Jahr, als man zu den Winterferien noch mit den Kindern verreisen konnte, habe ich mit einem guten Freund in Bayern zusammen gesessen, während die Kinder draußen im Schnee tobten. Ermattet hatten wir uns über die ständig zunehmende Hektik in unerem Leben beklagt. „Weißt du noch, was vor zehn Jahren war, hatte er gefragt, oder vor dreißig?“. „Nee“, sagte ich, „Total weg. Bin froh, wenn ich weiß, was letzte Woche war.“ Der Freund nickte. Bei ihm sind zwar die Kinder aus dem Haus, aber er ist jetzt Leiter eines Pflegedienstes.
Wenigstens mir lässt Corona jetzt Zeit zur Besinnung. Magazine mit vergilbten Notizzetteln aus Umweltschutzpapier „Heidelberg 93“, Polen/Litauen 94, „Berlin am Anfang“, „Reichstag 95“ ziehe ich eins nach dem anderen aus dem Karton. Menschen mit weichen, rotwangigen, Gesichtern lachen mich an, als ich die Bilder durchklicke. Mein Freund bei seiner Hochzeit, bei der ich Trauzeuge war. Gemeinsam mit meiner Freundin spannen wir mit unseren Armen eine große, schimmernde Plastikfolie über dem Hochzeitspaar aus, weil es beim Fest im Garten ihrer alten Villa plötzlich angefangen hatte zu regnen. Bei der Reichstagsverhüllung ein Jahr später waren wir gerade nach Berlin gezogen. Cristo und Jean Claude waren mir ein ganzes Magazin wert. Dazwischen Bilder von schmalen, baumbestandenen Straßen in Osteuropa und Selfies aus dem Rechtsanwaltsbüro in England. Und dann ein kleines Mädchen, das vor unserem Schrebergarten an der S-Bahn erste Fahrübungen mit dem Rad macht. Alles einmal durch, alles mitgenommen. Ein Jahrzehnt Achterbahn, aber wenigstens bin ich dabei nicht aus der Kurve geflogen. Das kam später. Ein Drittel der Bilder habe ich weggeworfen, weil ich wirklich nicht mehr wusste, warum ich zehn Mal den Müll in den Straßen von Manchester fotografiert hatte. Oder gerade weil ich mich wieder erinnerte, warum ich es getan hatte. Weil ich das wild und urban fand, als ich noch im sauber geleckten Heidelberg lebte. Jetzt kann ich Müll auf der Straße jeden Tag haben und ich finde das nicht mehr aufregend.

Der Schneeregen hat aufgehört, das Rumgehopse auf dem Sofa nicht. „Kommt“, sage ich zu meinen Jungs, „ich zeige euch mal was.“ Ich werfe den Projektor an und ein leuchtendes Quadrat erscheint an der Wand. „Ach“, sagen sie, „wie in der Schule, wenn wir Videos gucken.“ „Nein, sage ich, „das ist ein Apparat, der kleine Bilder groß macht.“ Ich zeige ihnen ein kleines Dia, lege es in den ausklappbaren Schlitz und warte, bis der Autofokus! (war mal ein teures Gerät) mit viel Hin- und Hergesumm das Bild scharf gestellt hat. „Was ist das?“, fragen sie. „Das ist das Schild vor einer Stadt. Ihr könnt doch schon lesen. Lest mal.“ „ALITUS“ buchstabieren sie vom Sockel eines realsozialistischen Betonmonuments herunter. „So heißt eine Stadt, in der du gewesen bist?“ „Ja, und was seht ihr noch?“ Die Jungs springen in den Lichtkegel – und sehen gar nichts mehr. Erste Lektion gelernt. Im zweiten Anlauf klappt es. „Eine Kuh!“ „Genau“, sage ich, „und was hat die Kuh da im Maul? “ „Das ist so was wie bei den Pferden, wo die Zügel drankommen.“ „Richtig“, sage ich, das war eine freilaufende Kuh. Die hat der Bauer am Abend am Zaumzeug wieder nach Hause geholt.“ „Ein wilde Kuh?“ „Nein, eine freilaufende Kuh. Und Wiesen ohne Zäune.“ Das gab es damals in Litauen noch.
„Wir machen ein Spiel.“, ruft einer von den Zwillingen. Er holt ein Blatt Papier aus dem Müll. „Wer zuerst sieht, was auf dem Bild ist, kriegt einen. Punkt.“ Der Nachmittag ist gerettet. Wir jagen zwei Magazine durch. Der spannendste Moment ist immer der Augenblick, wenn aus dem verschwommenen Bild langsam ein scharfes wird. „Ein Bagger“ (Baustelle für ein Großkraftwerk). „Ein See!“ (Ihr Vater badet in vor der Kurischen Nehrung). „Wilde Wolken!“ (Dramatischer Sonnenuntergang über Masuren). „Und wer ist das?, fragen sie verdattert? „Das bin ich.“ (Bild mit cooler Sonnenbrille am Strand in Portugal). „Nee, echt, du? So hast du mal ausgesehen? Is ja krass.“ „Und wer ist das daneben?“ „Das ist eure große Schwester, als sie so alt war wie ihr jetzt.“ „Echt jetzt? Und wer ist die Frau daneben?“. „Das ist die Mutter eurer Schwester.“ „Echt jetzt, du hast zwei Frauen? Die da und Mama?“ „Ja“, sage ich, „aber nacheinander.“ „Echt jetzt? Machen wir das Spiel noch mal, wenn wir wieder bei dir sind?“

Notlicht

524ED00A-8397-4A49-B0B3-62B0E4788D38

Also ick gloobe, die da beim Jobcenta in der Müllerstraße ham een an der Tanne. Schon seit Ewichkeiten darf da keener mehr rin. Und vor Weihnachten scheint ooch noch der Hausmeesta krank jeworden su sein. Uf jeden Fall macht da ahms keener mehr die Lichta aus. Dit Haus sieht aus wie een Weihnachtsbaum. Nu ist Weihnachten schon lange vorbei und die Bäume hat längst die Stadtreinijung jeholt. Aba die vom Jobcenta machen munta weita. Is ja ejal. Is ja nur unsa Jeld. Kann da nich mal jemand een Elektrika holn?

89A74787-BBFE-4812-83CF-16AA6182397C

Wo wers jerade vom Jeld ham. Dit sieht hier zwar so aus wie Las Vegas, aba dit is jerade dem Jobcenta jejenüba. Dit is da, wo die Jungs sonst ihre Stütze vazocken, die se sich vom Amt jeholt ham. Aber mit dem jroßen Jeld is da ooch vorbei. Allet dicht. Und damits keener merkt, hamse die Lichta in Treppenhaus anjelassen.

52E6DCDE-A478-4D7F-AC2E-DBC48AD6D69D

Aba wenichstens Kaastad hat noch uff. Bis um achte ahms. Jeht ooch nich mehr lange, gloob ick. Aber der letzte macht dit Licht aus.

Schön Ahmnd noch!

Durch die wilden Sofas

Auf meinem Sofa liegt ein sauber zusammengefaltetes Laken. Meine Tochter war am Wochenende da. Und wenn sie bei mir übernachtet, dann mache ich ihr mein rotes Sofa zurecht. Inzwischen ist sie so nett, dass sie das ganze Bettzeug wieder zusammenlegt, wenn sie geht. Sie ist oft unterwegs bei Freunden in der ganzen Welt und weiß mittlerweile, sich zu benehmen. So hab ich das auch gemacht, damals als ich bei anderen auf dem Sofa gepennt habe. Und das habe ich gerne gemacht. War ja auch viel unterwegs, als ich so alt war wie sie, vor allem politisch. Und wenn irgendwo mal wieder eine Demo war, gegen eine der vielen Diktaturen in Südamerika, den Nachrüstungsbeschluss oder gegen den Aussperrungsparagrafen im AFG gab es immer jemanden, der jemanden kannte, bei dem man pennen konnte. Ich liebte das, für eine Nacht oder ein paar Tage bei anderen unterszuschlüpfen, mir bei anderen Pärchen, WGs oder Familen das Leben anzuschauen, das ich nicht hatte. Ich lebte meist allein, in möblierten Zimmern, Wohnheimen oder in WGs in Hochhaussiedlungen, bei denen keiner vorbei kommen wollte. So kams mir jedenfalls vor. Als ich mir neulich den Film über Udo Lindenberg anschaute, seine Bude, die er auf der Reeperbahn hatte und das Bettzeug sah und die gemusterten Unterhosen, da war der Geruch dieser Zeit wieder da. Die Frotte-Bettwäsche, aus dem Elternhaus mitgebracht, immer ein bisschen muffig, immer zu selten gewaschen, immer mit zu dicken, ungelüfteten Federbetten in zu kalten Zimmern, in denen ich als Gast landete. Aber es ging nicht nur ums Unterkommen, es ging auch ums diskutieren, ums Quatschen an runden Tischen und ums Dabeisein. Aufgenommen zu werden, das war ein schönes Gefühl. Und ob das nur aus Solidarität geschah, als Kämpfer für die gemeinsame Sache, oder weil mich die Leute wirklich nett fanden, das konnte ich oder wollte ich nicht auseinanderhalten. Gastfreundschaft ist auch eine Art der Zuwendung und es fiel mir immer schwer, wieder zu gehen. Es gibt dieses Lied von Reinhard Mey, „Gute Nacht, Freunde“, das dieses Gefühl sehr gut beschreibt.  Ein paar Mal kam auch die Frage, ob ich wirklich auf der Couch schlafen wolle, im Bett sei ja noch Platz. Manchmal war das wirklich fürsorglich gemeint, manchmal verirrten sich dann Hände unter der Bettdecke und die Abschiede morgens waren danach oft wortlos.
Nein, mein Platz war auf der Couch oder auf dem Futon des Mitbewohners, der gerade nicht da war. Die wilden Touren durch die Betten anderer Menschen sollten anderen  vorbehalten bleiben. Und am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich Frühaufsteher am nächsten Morgen meine Gastgeber mit frischen Brötchen, der aktuellen taz (mit den richtigen Zahlen über die Demo am Vortag) und Kaffee begrüßen konnte. Ich brachte es zu einer Meisterschaft darin, in fremden Küchen das Kaffeepulver und die Filtertüten zu finden.

Jahre danach, ich war längst sesshaft geworden, als die kleine Tochter, die jetzt schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auslandssemester ist, mir den Schlaf raubte, war es oft ein Gnadenakt meiner Freunde, mir eine Schlafstatt anzubieten, weil mir auf den schönsten Festen schon um zehn die Augen zufielen. Später kam ich dann immer öfter, war Couchsurfer bei meinen Freunden, weil im gemeinsamen Zuhause ein Chaiselong fehlte, auf das ich bei dicker Luft hätte ausweichen können. Irgendwann hatte ich dann wieder eine eigene Wohnung und die erste Anschaffung war ein eigenes Sofa. Ein erfahrener Freund riet mir dazu. Ein Polstermöbel für zwei sei unerlässlich, wenn ich erfolgreich wieder auf Partnersuche gehen wolle. Es wäre so unhöflich, wenn man einer Besucherin nur einen Stuhl oder das Bett anbieten könne. Ganz Unrecht hatte er damit nicht, aber wenn ich mir mein abgerocktes rotes Designerteil so anschaue, waren es wohl eher die drei Knaben, die  mittlerweile meine regelmäßigen Besucher sind, die den Samt so blankgewetzt haben. Bleibt nur noch die Frage, ob ich bei einem solchen unsteten Lebenswandel irgendwann tatsächlich „auf der Couch“ gelandet bin. Nein, bin ich nicht. Es war ein Sessel.